Leipziger Volkszeitung

LVZ: Zum Abgang des Leipziger Opernintendanten Henri Maier

    Leipzig (ots) - Scherbenhaufen Von Peter Korfmacher Am Wochenende noch war alles eitel Sonnenschein: Bachfest hier, Masur-Gala da, und Leipzig sonnte sich in der Gewissheit, eine der Welthauptstädte der Musik zu sein. Doch kaum ist die Prominenz abgereist, ziehen wieder dicke Unwetterwolken auf: Denn die Beurlaubung des Opernintendanten Henri Maier wird als kulturpolitischer Scherbenhaufen in die Annalen der Stadt eingehen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Zuerst natürlich Henri Maier. Der kann sich zwar freuen über ein sattes Überbrückungsgeld bis zum Antritt der Rente imJahr 2011, aber sein Ansehen ist irreparabel beschädigt. Dann das Opernhaus, das in schwieriger Zeit und vor den für Leipzig so wichtigen großen Jubiläumsjahren für Mendelssohn und Wagner (2009 und 2013) ohne Intendanten und mit einem grundsätzlichenKlima der Verunsicherung dasteht. Die Kultur der Stadt, die sich vor dem Hintergrund leerer Kassen für drei Jahre mit der Zahlung von zwei Intendantengehältern abfinden muss. Riccardo Chailly, der beizeiten Bedenken angemeldet hat, bei der Verlängerung von Maiers Vertrag 2006 aber vom Kulturbürgermeister Girardet übergangen wurde. Und somit schließlich und vor allem der und mit ihm die Stadtspitze, die durch eben diese Vertragsverlängerung all den Schaden angerichtet hat - aber auch gestern noch nicht nach eigenen Problemen, nach Fehlern beim Krisenmanagement suchte, sondern nach undichten Stellen. Die wieder nicht informiert, sondern verschleiert, beschönigt, verschleppt und sich überrascht zeigt, dass die Beurlaubung eines Opernintendanten nicht achselzuckend als weitgehend normaler Tagesordnungspunkt abgehakt wird. Es gab und gibt Defizite in der Führung der Oper Leipzig: Die überregionalen Erfolge sind begrenzt, die Personalpolitik ist fragwürdig, das Ensemble wieder auf dem Abstieg, und bisweilen hat es den Eindruck, als würde eine gewisse sympathische Folklore regieren, wo Führungsstärke und Gestaltungswillen gefragt wären. Das alles aber ist erstens nicht neu und wurde zweitens bis vor nicht allzu langer Zeit gern auch von Seiten der Stadt mit umgekehrtem Vorzeichen interpretiert: Das Vertrauen der Leipziger kehrte zurück, jetzt sitzen endlich bald die richtigen Leute auf den richtigen Posten, die Besten des Ensembles machen Weltkarriere, und die freundliche Verbindlichkeit des Intendanten ist seine kommunikative Stärke. Sie hat zwei Seiten, die Medaille. Und sie hatte beide Seiten auch schon vor einem Jahr. Denn nichts hat sich grundsätzlich verändert seither. Die Probleme wurden unterschiedlich bewertet. Aber sie waren bekannt. Hätte man also seinerzeit Maiers Vertrag nicht verlängert, es gäbe jetzt keinen Skandal. Dann hätte es wahrscheinlich tatsächlich einen Tagesordnungspunkt gegeben, den die Öffentlichkeit nach kurzer Erregung weitgehend achselzuckend zur Kenntnis genommen hätte. Diese Chance wurde vertan, weil keine Entscheidung immer bequemer ist als eine, die sich im Nachhinein als falsch erweisen könnte. Aber keine Entscheidung ist meistens auch die schlechteste. Was sich einmal mehr gezeigt hat.

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