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stern: SEK-Beamter bezeichnet Rettungs-Einsatz nach Amoklauf von Erfurt als "die größte Scheiße"
Opfer, Ärzte und Polizisten erheben schwere Vorwürfe gegen Verantwortliche

    Hamburg (ots) - Der Einsatz von Polizei und Rettungskräften beim Erfurter Amoklauf  vom 26. April ist offenbar nicht ohne Fehler und Pannen verlaufen. Wie das Hamburger Magazin stern in seiner bereits am Mittwoch erscheinenden Ausgabe berichtet, erheben Angehörige der Opfer, Ärzte und Polizeibeamte schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen des Einsatzes. So habe die Polizei nicht schnell genug zugegriffen, und die Rettungsteams seien nicht rechtzeitig zu den Verletzten vorgelassen worden. Die Thüringer Landesregierung war dagegen in ihrem "vorläufigen Abschlussbericht" vom 24. Juni zu dem Ergebnis gekommen, der Einsatz sei fehlerlos verlaufen. Die pathologischen Gutachten hätten bewiesen, "dass alle Opfer auch bei einer sofortigen medizinischen Notversorgung keine Überlebenschance gehabt hätten". Am 26. April hatte der 19-jährige Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium  innerhalb von zehn Minuten 16 Menschen erschossen, bevor er sich selbst das Leben nahm.

    Nach Augenzeugenberichten  waren nicht alle Opfer sofort tot. So hörten Schüler den schwer verletzten Mathematik- und Physiklehrer Peter Wolff noch eine Stunde lang atmen, nachdem er von dem Amokläufer mit drei Schüssen niedergestreckt worden war. Auch der Biologie- und Chemielehrer Hans Lippe lebte noch, als ihn eineinhalb Stunden nach der Tat die Retter auffanden. "Sein Herz schlug noch ganz normal", sagte der Rettungsassistent Udo Fulge dem stern. Wenige Minuten später starb Hans Lippe. Auch zwei Schüler der Klasse 8c überlebten die Schüsse zunächst. Mitschüler versorgten ihre Wunden notdürftig mit Kleidungsstücken. Als um 13.30 Uhr, knapp zweieinhalb Stunden nach den ersten Schüssen, endlich  ein Arzt bei ihnen war, waren sie bereits tot. "Sie waren noch warm, der Kiefer ganz locker und ohne Flecken", sagte der Arzt dem stern. Die Schüler seien noch keine halbe Stunde tot gewesen, als er bei ihnen war.

    Bei der Polizei  liefen nach den ersten Schüssen mehr als hundert Anrufe aus dem Gebäude auf: Eingeschlossene Schüler riefen per Handy nach Hilfe und meldeten Verletzte. Doch anstatt das Gebäude zu stürmen, arbeitete sich das Sondereinsatzkommando (SEK) langsam von Raum zu Raum vor. Erst nach zweieinhalb Stunden war die gesamte Schule durchsucht. Einige Schüler mussten sich vier Stunden in dem Gebäude verbarrikadieren , bevor sie  von der Polizei befreit wurden.

    Der Einsatzleiter  und Erfurter Polizeidirektor Rainer Grube hatte sich anstatt für einen schnellen "Notzugriff"  für ein langsames Vordringen des SEK entschieden: Zu diesem Zeitpunkt  war die Polizei noch von einem möglichen zweiten Täter ausgegangen. Die Spezialbeamten wurden außerdem angewiesen, nach möglichen Sprengfallen zu suchen. Selbst bei den beteiligten SEK-Polizisten stieß diese Taktik auf heftige Kritik. "Der Einsatzleiter  hat definitiv gegen die Lage entschieden", sagte ein SEK-Beamter laut stern. "Wenn ich weiß, dass es verletzte Kinder gibt, muss doch die Eigensicherung zurücktreten." Die schwer ausgerüsteten SEK-Beamten seien darauf trainiert, notfalls auch als "Kugelfänger" herzuhalten. "Der ganze Einsatz war die größte Scheiße."

    Auch die Rettungsteams wurden nach Zeugenberichten lange Zeit von der Einsatzleitung gehindert, zu den Verletzten vorzudringen. Nur dem beherzten Eingreifen zweier Ärzte, einem Rettungsassistenten und einer Praktikantin, war es nach Schilderung des stern zu verdanken, dass sich Minuten nach der Tat ein Rettungsteam im Gebäude befand. Einer der Ärzte, Ekkehard Schneider, kritisierte gegenüber dem stern das "Chaos bei diesem Einsatz".

    Einige Angehörige der Opfer des Amoklaufs fühlen sich von den Behörden schlecht informiert. Die Zahl der Schussverletzungen bei einzelnen Opfern werde unterschiedlich angegeben. Die pathologischen Gutachten dürften selbst sie nicht einsehen. Auf die wichtigsten Fragen gebe der Abschlussbericht der Landesregierung keine Antworten.

    Das 43-Seiten dicke Papier sei vor seiner Veröffentlichung mehrmals korrigiert worden, berichtet der stern weiter. Widersprüchliche und offene Fragen wie die Zahl der abgegebenen Schüsse seien weggelassen worden. Die Opposition von SPD und PDS im Thüringer Landtag spreche deshalb von "Vertuschung" und "Schönfärberei".

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