Gruner+Jahr, STERN

Genforscher Chargaff im stern: "Die Kunst des Sterbens ist uns abhanden gekommen"

    Hamburg (ots) - Der amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff, der
mit seinen Forschungen die Voraussetzung für die Gentechnik
geschaffen hat, hält sie heute für Teufelszeug. In einem Interview
mit dem Hamburger Magazin stern sagte Chargaff, Wissenschaftler und
Ärzte seien "gaunerische Marktschreier" geworden, die so täten, als
ob alles reparabel sei. "Sie manipulieren ungestüm an den Genen
herum, die in Milliarden von Jahren langsam entstanden sind, sie
hauen die Natur auf den Kopf und spüren nicht, dass sie sich selbst
auf den Kopf hauen. Sie wollen langes Leben, ewiges Leben, sie wollen
den Tod besiegen, das ist teuflisch." Der Tod habe sich heutzutage in
eine "Peinlichkeit verwandelt, die Kunst des Sterbens ist uns
abhanden gekommen". Schon das Altern werde - vor allem im Amerika -
wie eine ansteckende Krankheit gesehen, von der man sich fernhalten
müsse.
    
    Chargaff bezeichnete in dem stern-Gespräch sowohl die Spaltung des
Atom- wie und des Zellkerns als "Sündenfälle der
Naturwissenschaften", die Eingriffe in das Erbmaterial von
Nahrungsmitteln oder Lebewesen als "das größte Verbrechen". Dass der
Mensch die Evolution in die eigene Hand nehmen will, "das ist des
Teufels, das ist Auswurf". Chargaff: "Das Herummachen an embrionalen
Stammzellen - das sind Verbrechen".
    
    In diesem Zusammenhang attackiert der Wissenschaftler
Bundeskanzler Gerhard Schröder, der unlängst in der Gendebatte
gefordert hatte, die "ideologischen Scheuklappen" abzulegen und die
Gentechnik zu fördern. Für Chargaff ist dies ein
"Scheuklappen-Optimusmus", heraus komme dabei "das molekulare
Auschwitz".
    
    Die Entschlüsselung des Genoms sei überflüssig wie der Bau der
Cheops-Pyramiden: "Ein Klotz, der sinnlos in der Landschaft rumsteht
- aber Menschenleben und viel Geld gekostet hat." In der Gentechnik
herrsche ein fundamentalistischer Glaube, die Naturwissenschaftler
seien "die Taliban der Moderne".
    
    Chargaff sagte weiter, er sei "traurig, wie der Anstand die Welt
verlassen" habe. "Befruchtung und Zeugung werden sie bald abschaffen,
Interneteltern werden per Internet Internetkinder ordern, und Kinder
werden wie Cocktails zusammengeschüttelt, aber sie werden keine
Menschen mehr sein. Die Seele kann man nicht klonen. Wir leben in
einer Zeit des Missbrauchs. Des Missbrauchs der Sprache, des
Missbrauchs der Naturforschung, des Missbrauchs des Lebens, der
Hoffnung. Wir kommen noch in eine Zeit, wo die Leichen nicht mehr
begraben oder verbrannt, sondern industriell ausgeschlachtet werden,
weil sie so unheimlich viele wertvolle Substanzen enthalten. Die
Menschlichkeit ist zu Ende gegangen."
    
    Diese  Vorabmeldung ist mit Quellenangabe zur Veröffentlichung
frei
    
    
ots Originaltext: Stern
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de


Für Rückfragen:
Arno Luik,
Tel. 040-3703-3665

Original-Content von: Gruner+Jahr, STERN, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Gruner+Jahr, STERN

Das könnte Sie auch interessieren: