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stern: Willy Brandt wollte sich während Guillaume-Affäre das Leben nehmen

    Hamburg (ots) - Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) hatte
auf dem Höhepunkt der Guillaume-Affäre Anfang Mai 1974 ernsthaft die
Absicht, sich das Leben zu nehmen. Offiziell hatte Brandt Mutmaßungen
über Selbstmordabsichten als "Geschwätz" bezeichnet. Er hat jedoch
"am 1. oder 2. Mai auch einen Abschiedsbrief an die Familie zu Papier
gebracht, ihn dann aber doch wieder zerrissen", zitiert das Hamburger
Magazin stern  nun den Brandt-Biografen Gregor Schöllgen. Der
Erlanger Historiker stützt sich auf private Aufzeichnungen Brandts.
Schöllgen hatte für sein Buch über den langjährigen SPD-Vorsitzenden,
das Mitte September erscheint und aus dem der stern Auszüge
veröffentlicht, Einblick in den kompletten Nachlass des 1992
verstorbenen Ex-Kanzlers.
    
    Nach Schöllgens Recherchen waren weder die Enttarnung des
DDR-Spions Günter Guillaume noch die drohenden Enthüllungen über
angebliche Affären Brandts der Grund, sondern nur der Auslöser für
dessen Rücktritt am 6. Mai. Der damals 61-Jährige habe vielmehr sein
ihn "überforderndes Amt" loswerden wollen. Dafür spricht laut stern,
dass Brandt neben dem offiziellen Rücktrittsschreiben noch einen
zweiten, bislang unbekannten Brief an den damaligen Bundespräsidenten
Gustav Heinemann verfasst hat. Er wolle zwar in der Politik bleiben,
"aber die jetzige Last muss ich loswerden", heißt es darin.
    
    Zudem sei die damals vom Bundeskriminalamt erstellte Liste mit
Liebespartnerinnen sehr unpräzise und habe nur vier Namen enthalten -
"darunter", so Schöllgen, "ein Name, den die Gewährsleute nicht
einmal konkret zu buchstabieren wissen. Im übrigen sind den
Schnüfflern bestenfalls der Beruf beziehungsweise die Nationalität
der einen oder anderen Dame erinnerlich."
    
    Schöllgen berichtet auch über ein letztes Gespräch, das der
todkranke Willy Brandt in seinem Haus in Unkel am Rhein 1992 mit dem
damaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) geführt hat. Dabei habe Brandt
seinem Nachfolger "seine Wünsche für die Trauerfeier" benannt. Zu dem
Gespräch, bei dem er Kohl "von seinem Leben, von seiner Mutter und
vor allem: vom Sterben" erzählte, habe sich der Todgeweihte extra ins
Wohnzimmer begeben: "Ich bleibe nicht im Bett, wenn mein
Bundeskanzler kommt." Kohl sagte Wissenschaftler Schöllgen, er habe
Brandt "bewundert".
    
    Brandts letzte Ehefrau, Brigitte Seebacher-Brandt, habe teilweise
dessen Kinder nicht zu dem Sterbenskranken gelassen, berichtet der
stern unter Berufung auf Biograf Schöllgen - "mitunter auch dann
nicht, wenn sie eine weite Reise hinter sich haben, um den sterbenden
Vater aufzusuchen". Gegen den von Seebacher-Brandt veranlassten
Ausschluss seiner zweiten Frau Rut von Brandts Beerdigung hätten die
Kinder Ninja Frahm sowie Peter, Lars und Mathias Brandt nur deshalb
nicht rebelliert, weil "der Tod des Vaters kein Anlass für
Spekulationen und Sensationen der Boulevardpresse sein" sollte.  
    
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