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stern: War Zugunglück von Eschede vermeidbar? - Staatsanwaltschaft Lüneburg schließt Ermittlungen ab

Hamburg (ots) - Das verheerende Zugunglück von Eschede, bei dem am 3. Juni 1998 auf dem Weg von München nach Hamburg 101 Menschen ihr Leben verloren und rund 90 schwerst verletzt wurden, wäre womöglich vermeidbar gewesen, wenn die Bahn zahlreiche Warnhinweise ernst genommen und entsprechend gehandelt hätte. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Die jetzt abgeschlossenen Ermittlungen der Lüneburger Staatsanwaltschaft lassen eindeutig den Schluss zu, dass das ICE-Radreifen-System, das als Ursache für das schwerste Eisenbahnunglück in der Geschichte der Bundesrepublik gilt, von der Bahn ungenügend getestet, vorschnell eingeführt und mangelhaft gewartet wurde. Außerdem sei der gebrochene und entgleiste Radreifen viel zu weit abgefahren gewesen. Wie aus den Ermittlungsakten, die dem stern vorliegen, hervorgeht, hat es bis zum Tag des Unglücks eine Vielzahl von Alarmsignalen gegeben. So habe die Bahn diesen neuen Radtyp voreilig eingesetzt, nachdem 1991 im Speisewagen eines anderen ICE heftiges Rütteln und Poltern durch einen unrund laufenden Reifen festgestellt worden war und die Bahn dadurch eine "kommerzielle Schwächung des ICE" befürchtet habe. Massive Zweifel an der übereilten Einführung der neuen, gummigefederten Räder seien beispielsweise vom Werkstätten-Dienst der Bahn in Nürnberg geäußert worden. Deren Leitung habe ihre Zustimmung zu einer kompletten Umrüstung wegen noch nicht ausgereifter Betriebserfahrung verweigert. Ähnliche Bedenken seien auch von anderer kompetenter Seite an die Bahn-Chefs herangetragen worden. Nach stern-Informationen wurde der Unglückszug "Wilhelm Conrad Röntgen" in der Nacht vor dem Unglück im Münchner ICE-Werk einer planmäßigen Inspektion unterzogen. Bei dem einen Tag später gebrochenen Rad hätten die Messergebnisse der so genannten ULM (Ultraschall-Lichtschnitt-Messbalken) so viele Alarmwerte aufgewiesen, dass niemand sie glauben mochte. Da die ULM immer schon äußerst unzuverlässig gearbeitet habe und solche Ausschläge ständig aufgetreten seien, so eine Disponentin in ihrer Aussage, "sind wir davon ausgegangen, dass es sich um Fehlmessungen handelte. So viele Grenzwertüberschreitungen kann es eigentlich nicht geben." Eine genauere Untersuchung des Rades hätte zu einer Auswechslung des Drehgestells führen müssen, zumal ein ICE-Betreuer bereits am 30. Mai ein "immenses Holpern" zu Protokoll gegeben hatte. Der Berliner Anwalt und Experte für Haftungsrecht, Reiner Geulen, sagte dem stern: "Eschede war kein unabwendbarer Unglücksfall, sondern die Folge systematischer Versäumnisse des Bahnvorstands, der die Risiken bewusst in Kauf genommen hat." Diese Vorabmeldung ist mit Quellenangabe zur Veröffentlichung frei. ots Originaltext: STERN Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de Der vollständige Beitrag kann über die stern-Nachrichtenredaktion abgerufen werden. Nachrichtenredaktion Tel. 040/3703 3558 Fax 040/3703 5631 Original-Content von: Gruner+Jahr, STERN, übermittelt durch news aktuell

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