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"Wenn ich am Steuer stehe, läuft das Schiff nicht auf Grund" / stern-Gespräch mit dem kommenden DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder

    Hamburg (ots) - Der designierte DFB-Präsident Gerhard
Mayer-Vorfelder sieht den bezahlten Fußball auf einem "sehr
gefährlichen Weg" auf dem "der Wahnsinn noch nicht die Endstufe
erreicht" habe. "Aber dieser Verband mit all seinen Problemen braucht
jetzt einen Steuermann mit großer Erfahrung, damit keine Gräben
zwischen Amateur- und Profifußball entstehen. Und wenn ich am Steuer
stehe, läuft das Schiff nicht auf Grund", sagte Mayer-Vorfelder in
einem Gespräch mit dem Hamburger Magazin stern, das in der neuen
Ausgabe am kommenden Donnerstag erscheint. "Jetzt kommt noch mal
etwas, was mich sehr reizt: Ich kann nochmals Weichen stellen, habe
Ziele für 2006 - das ist faszinierend. Dieses Amt ist der Höhepunkt
meines beruflichen Lebens", sagte der 68-jährige Ex-CDU-Minister und
frühere Präsident des VfB Stuttgart,  der am 28. April die Nachfolge
von Egidius Braun antritt.
    
    Mayer-Vorfelder, der "gern mit offenem Visier kämpft", legt sich
in dem stern-Interview mit dem DFB-Vize Franz Beckenbauer an: "Der
sagt was, denkt nicht groß darüber nach, und das steht dann da."
Beckenbauer habe "grenzenlose Freiheit": "Er sagt heute A, morgen
sagt er B - und jeder nimmt das hin." Er, so Mayer-Vorfelder, habe zu
Beckenbauer schon oft gesagt, er solle vorsichtiger sein. "Aber warum
soll er das sein? Mit dem Licht, das er ausstrahlt, blendet er die
Journalisten. Er ist ein Phänomen!"
    
    Kritik kam vom zukünftigen DFB-Präsidenten auch an der
Nationalmannschaft. Von den Nationalspielern erwarte er nicht
unbedingt, dass sie Vorbilder seien, aber "sie müssen anständige
Kerle sein, das müssen sie sein." Es habe ihn bei der letzten EM
erschüttert, wie die Mannschaft sich habe "fallen lassen". Deutsche
Spieler müssten kämpfen. Von einem Nationalspieler erwarte er diesen
Einsatz, "und dass er Stolz empfindet, wenn er das Trikot der
Nationalmannschaft trägt."
    
    Auch in die Nationalstolz- und Gewalt-Debatte der letzten Wochen
schaltet sich Mayer-Vorfelder, der sich als "konservativer Patriot"
bezeichnet, ein.  "Es ist ja ein Phänomen unserer Zeit - was ich für
falsch halte! -, dass man jungen Menschen beibringt, Scham empfinden
zu müssen, weil sie Deutsche sind." Die deutsche Geschichte bestehe
nicht nur "aus zwölf dunklen Jahren". Wie Engländer und Franzosen,
die stolz auf ihr Land seien, "haben wir ebenfalls das Recht, stolz
zu sein, Deutsche zu sein", sagte Mayer-Vorfelder im stern-Interview.
Gewalttätige rechtsextreme Gruppen - "ich habe mit denen viel
diskutiert" - hätten meist ein "sehr diffuses Wissen" von der
nationalsozialistischen Vergangenheit. "Rechts - das ist für die oft
bloß eine sinnlose Hackordnung: Wer ist der Wildeste." Das Phänomen
der Gewalt habe es auch in der Spontiszene der 68er gegeben. "Die
Spontis um Joschka Fischer wussten wohl schon, was sie taten, als in
Frankfurt durch die Straßen zogen und sich mit Polizisten prügelten".

    "Wenn ich sage, ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, heißt das
doch nicht, dass ich mich anderen überlegen fühle und deshalb
zuschlage."
    
    
ots Originaltext: stern
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