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stern: Deutsche Soldaten bei Kriseneinsätzen unzureichend abgesichert

Hamburg (ots) - Nach Verletzungen müssen sie jahrelang um Entschädigungsgeld kämpfen. Scharping gibt zu, dass Soldatengesetz unzulänglich ist Deutsche Soldaten sind medizinisch und sozial nur unzureichend abgesichert, wenn sie bei Auslandseinsätzen verletzt werden. Überdies müssen sie oft jahrelang um Entschädigungszahlungen kämpfen - oft erfolglos. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in seiner neuen Ausgabe. Vor allem Zeitsoldaten kritisieren, dass sie bei Kriegsverletzungen ohne finanzielle Absicherung vom Dienst suspendiert werden können. "Die Bundeswehr lässt Soldaten oder ihre Angehörigen oft im Stich, wenn es darum geht, eine Entschädigung zu bezahlen", sagte Hans-Joachim Ahnert vom Bundeswehr-Verband dem stern. Die Soldaten-Gewerkschaft vertrete im Jahr 300 Soldaten, die im Dienst verletzt worden seien. Ahnert: "Die Bundeswehr feilscht, wann immer es geht. Die meisten Verfahren dauern Jahre. Viele halten das nicht durch." Der stern berichtet von einem ehemaligen Stabsunteroffizier, der bei einer Patrouille in Prizren seinen Unterschenkel verlor. Ihm wurde zuerst die Auslandszulage und dann die Fallschirmspringerzulage gestrichen. Ein Jahr nach seiner Verletzung wurde er entlassen. Erst auf Intervention von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) wurde dem Mann - entgegen der Gesetzeslage - geholfen. In einem anderen Fall wurde der Witwe eines Oberstabsarztes nach dessen tödlichem Panzerunfall im albanischen Kucove keine Entschädigung gezahlt, weil "kein bewusster Lebenseinsatz" vorgelegen habe und "eine allgemeine Gefahr" nicht für die Anerkennung eines "qualifizierten Dienstunfalls" reiche, so die schriftliche Begründung des Ministeriums. Scharping räumte im Gespräch mit dem stern ein, dass die Gesetzeslage bislang nur unzulänglich auf die dramatisch gestiegenen Risiken "out of area" angepasst sei. Scharping wörtlich: "Das Soldatengesetz passt nicht richtig auf eine Bundeswehr, die auch internationale Einsätze zu bewältigen hat." So müsse unter anderem Paragraph 55, der die automatische Entlassung von kranken Zeitsoldaten vorsieht, geändert werden. Das Ministerium empfiehlt den in Krisengebiete abkommandierten Soldaten, selbst private Vorsorge zu treffen: "Grundsätzlich berät die Bundeswehr Soldaten dahingehend, vor dem Einsatz eine private Unfallversicherung abzuschließen", zitiert der stern Scharping aus einem Protokoll des Bundestags-Verteidigungsausschusses. Stark gestiegen ist die Zahl von psychischen Schäden. "Besonders seit dem Kosovo-Einsatz haben wir immer mehr Soldaten mit psychischen Problemen", sagt Karl-Heinz Biesold, der am Bundeswehr-Krankenhaus in Hamburg den Bereich "Psychotraumatologie" leitet. Seelische Folgeschäden werden oft nicht erkannt oder bagatellisiert. Als "chronisch entzündliche Darmerkrankung" diagnostizierte eine Bundeswehrärztin die psycho-traumatischen Probleme eines Zeitsoldaten nach seinem Einsatz in Sarajevo. Ein ehemaliger Oberstleutnant, der mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ebenfalls aus Bosnien zurückkehrte, sitzt bis heute auf 12 500 Mark Therapiekosten, ist erwerbsunfähig und quält sich mit einem unendlichen Gerichtsverfahren herum. Seinen Antrag auf Beschädigtenversorgung lehnte die Wehrbereichsverwaltung ab. Hierzu zitiert der stern den Vermerk eines Psychiaters des Bundeswehrkrankenhauses Hamm: "Offenbar wird inzwischen in unverantwortlicher Form eine Diagnose-Manipulation durchgeführt. Es kann nicht angehen, dass hier die Fürsorgepflicht grob vernachlässigt wird, um nur nicht einen Präzedenzfall zu schaffen." Diese Meldung ist unter der Quellenangabe stern zur Veröffentlichung frei. ots Originaltext: stern Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Für Fragen steht Ihnen stern-Redakteur Michael Stössinger (040-3703-3570) zur Verfügung. Original-Content von: Gruner+Jahr, STERN, übermittelt durch news aktuell

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