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Kanzler kündigt im stern dramatische Wende in der Agrarpolitik an - Der Regierungschef will vor 2002 eine Koalitionsaussage für die Grünen treffen

Hamburg (ots) - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine Wende hin zu einer verbraucherorientierten Agrarpolitik angekündigt. "Landwirtschaftspolitik muss in Zukunft von der Ladentheke her gedacht werden - auch im Interesse der Bauern: Was wird denn von einem Verbraucher, der Gottseidank kritischer geworden ist, abgenommen? Und nicht: Was wollen wir liefern", sagte Schröder in einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern. "Auch wir sind als Verbraucher vorsichtiger geworden", fügte der Kanzler, auf seine Familie bezogen, hinzu. "Wer glaubt, nach kurzer Zeit könnte man weiter so machen wie bisher, irrt", warnte Schröder, der nun eine "lückenlose Überwachung der Herstellung von Futtermitteln" sowie eine "glasklare Durchschaubarkeit der Vertriebswege von Nahrungsmitteln" durchsetzen will. Das bedeute allerdings auch leicht höhere Kosten, so der Kanzler: "Wenn man die Gewähr haben will, artgerecht produziertes Fleisch, das gesund ist, das getestet ist, zu kaufen, dann muss man den Preis dafür bezahlen." Schröder, der auch SPD-Vorsitzender ist, plädierte in dem stern-Interview auch dafür, die Regierung mit den Grünen auch nach der Wahl 2002 fortzusetzen und - "wenn meine Partei das akzeptiert" - mit einer entsprechenden Koalitionsaussage in den Wahlkampf zu gehen: "Wir wollen diese Koalition fortsetzen, weil sie erfolgreich ist." Erstmals gab Schröder zu erkennen, dass er sich vorstellen könnte, über 2006 hinaus im Amt zu bleiben. "Acht Jahre sind eigentlich ein langer Gestaltungsspielraum. Aber natürlich ist die Zukunft nicht vollständig planbar, sagte er. Auf den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) als möglichen Gegenkandidaten bei der nächsten Wahl angesprochen, sagte Schröder: "Herr Stoiber hat in Bayern bisher nur gezeigt, dass er ein reiches Erbe mehr schlecht als recht verwalten kann." Vehement verteidigte der Kanzler seinen Finanzminister Hans Eichel (SPD), der momentan von der Opposition wegen seiner zahlreichen Flüge mit Maschinen der Flugbereitschaft zwischen Berlin und seinem Heimatland Hessen attackiert wird. Eichel sei "der beste Finanzminister, den die Bundesrepublik bislang hatte", sagte Schröder, der die Kritik als "kleinkariert" bezeichnete. Natürlich müssten dienstliche und private Unternehmungen strikt getrennt werden, so Schröder gegenüber dem stern. "Aber alles, was die Bewegungsmöglichkeit von Leuten, die 12 bis 16 Stunden am Tag arbeiten, einschränkt, halte ich nicht für akzeptabel. Offenheit ja, aber man muss seine Arbeit tun können." Bereits im Frühsommer, wenn die Süssmuth-Kommission ihre Eckpunkte vorgelegt hat, will der Kanzler "die notwendigen gesetzgeberischen oder rechtlichen Regeln" zur Einwanderung treffen. "Wir brauchen auch so etwas wie einen Import der besten Köpfe in unser Land", sagte Schröder dem stern. In der Familienpolitik plädierte Schröder dafür, Betreuungsangebote für Kinder zu schaffen. Länder und Kommunen sollten für Krippen und Horte "massiv Geld" einsetzen, regte der Kanzler an, der sich auch für mehr Ganztagsschulen aussprach. "Bund und Länder sollten mal darüber reden, wie man das hinkriegen kann." Schröder erläuterte auch seinen Einsatz für die EU-Erweiterung: Die richtige Antwort auf die Globalisierung sei "nicht weniger, sondern mehr Europa". Sie erfordere vor allem von Deutschland und Frankreich "einen verstärkten Einsatz für Europa", so Schröder. Das deutsch-französische Verhältnis sei "eine Besonderheit, die man wie einen Augapfel hüten muss". Diese Meldung ist unter Quellenangabe stern zur Veröffentlichung frei. ots Originaltext: stern Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Für inhaltliche Rückfragen steht Ihnen stern-Redakteur Andreas Borchers (030/202240) zur Verfügung. Original-Content von: Gruner+Jahr, STERN, übermittelt durch news aktuell

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