stern: Goethes "Faust" machte Sahra Wagenknecht zur Kommunistin - Linke ging in die Politik, um nicht "durchzudrehen"
Hamburg (ots) - Johann Wolfgang von Goethe wies ihr den Weg in den Kommunismus: Sahra Wagenknecht, die im Mai zur Vizechefin der Linken gewählt werden soll. Wegen "Faust" wurde sie Kommunistin. Er habe sie angestachelt, "den Kapitalismus überwinden zu wollen", er "will eine Gesellschaft, in der Menschen wirklich Mensch sein können", sagte Wagenknecht in einem Interview in der neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des Hamburger Magazins stern.
Schon als Kind sei sie "eigenbrötlerisch" und "ziemlich eigensinnig" gewesen, schildert Wagenknecht, Lust auf den Kindergarten habe sie auch nicht gehabt, statt dessen habe sie ständig gelesen: Weil sie mit der DDR nicht zufrieden war, habe sie als Jugendliche Marx gelesen, "aber um Marx richtig zu verstehen, musste ich Hegel lesen und Kant". Jungs, Diskos hätten sie damals nicht groß interessiert, sagte die Linken-Politikerin dem Magazin: "Das hab' ich ab 13 gemacht. Als ich 16 war, fand ich dieses Leben schon wieder langweilig."
"Abends, zur Entspannung" habe sie lieber "Thomas Mann gelesen, Heine, Lessing, Schiller, die Romantik, die antike Klassik". Auch die beiden Teile von "Faust" habe sie auswendig gelernt, der habe sie einfach interessiert, denn: "Da steckt die ganze Menschheitsgeschichte drin". Allerdings hatte die junge Wagenknecht niemanden, mit dem sie über ihre Lektüre hätte reden können: "Ich war recht einsam. Ich lebte zurückgezogen, hatte wenig Freunde."
Obwohl Wagenknecht in der DDR nicht studieren durfte, weil sie, wie sie dem stern sagte, "mich nicht ins Kollektiv fügte", gab es für sie in der Zeit nach dem Mauerfall immer wieder Augenblicke, an denen sie an Selbstmord dachte: "Ende 1989 wusste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte Angst. Was hatte ich denn? Abitur und sehr viele Bücher gelesen. Aber sonst hatte ich nichts. Kein Geld. Keine Perspektive. Nur das Gefühl, dass das, was um mich abläuft in die falsche Richtung geht. Ich musste jeden Pfennig rumdrehen. Scheiße, warum muss ich in so einer Gesellschaft leben? Ich muss etwas dagegen tun, sonst werde ich wahnsinnig." Wagenknecht in dem Interview: "Ich wollte nicht durchdrehen. So kam ich - was alle in meiner Umgebung überraschte, auch mich selbst - zur aktiven Politik."
Die 40-Jährige war im vergangenen Jahr auch in den Schlagzeilen, weil ihr ein Verhältnis mit Linken-Chef Oskar Lafontaine nachgesagt wurde. Aus diesem Grund ließ die Zeitschrift "Bunte" Lafontaines Privatleben ausspähen. Ihr sei "schlecht" geworden, als sie davon erfuhr, sagte Wagenknecht in dem Interview: "Unfassbar, wie die vorgingen - unverfroren."
Seit der Bundestagswahl 2009 sitzt die Linke im Parlament. Und bevor sie in den Bundestag kam, habe sie "alte Parlamentsdebatten durchgelesen - von Erhard über Brandt, Wehner bis zu Hamm-Brücher oder selbst noch Genscher". Das seien noch Persönlichkeiten gewesen, "die verkörperten etwas, die formulierten richtige Sätze, erschöpften sich nicht in Phrasen". So lohne es nicht, "sich etwa an Westerwelle abzuarbeiten: Er redet über Menschen, von denen er keine Ahnung hat. Er weiß nicht, wie barbarisch es ist, 40 oder 50 Jahre alt zu sein, von Hartz IV zu leben mit dem Gefühl: Da komm ich nicht mehr raus. Westerwelle: Das ist kein Inhalt, kein Niveau, kein Gedanke, nur ein Satz - Steuern senken!" Wagenknecht im stern: "Dass das System im Niedergang ist, sieht man auch an der Politikerkaste."
Pressekontakt:
stern-Autor
Arno Luik
Telefon 040-3703-3665
Diese Vorabmeldung ist mit Quellenangabe zur Veröffentlichung frei.

