Westdeutsche Zeitung: GSG-9-Einsatz für die Außenwirkung Ein Kommentar von Horst Kuhnes

   Düsseldorf (ots) - Angesichts der Mordserie von rechtsextremen 
Terroristen in Deutschland wirft ein Großteil der Deutschen den 
staatlichen Organen vor, Umtriebe von Neonazis nur unzureichend zu 
bekämpfen. In einer Umfrage für den "Stern" waren jetzt 74 Prozent 
der Befragten dieser Ansicht. Vernichtend ist auch das Urteil der 
Bürger über die Arbeit des Verfassungsschutzes: Nahezu zwei Drittel 
(64 Prozent) der Bürger sagten in der Umfrage, sie hätten kaum oder 
gar kein Vertrauen in die Behörde.

   Und in der Tat: Zwei Wochen nach Bekanntwerden der schlimmsten 
politischen Gewaltserie der letzten Jahrzehnte haben sich die 
Sicherheitsdienste nicht vom Verdacht befreien können, sie seien auf 
dem rechten Auge zumindest teilweise blind. Auch an der Qualität der 
Arbeit der Sicherheitsbehörden werden immer öfter Zweifel laut.

   Den jüngsten Auslöser für solche Zweifel lieferte ausgerechnet der
Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke. Mit seiner offensichtlich
voreiligen und seit gestern wieder relativierten Aussage, der Mord an
der Polizistin Michèle Kiesewetter sei möglicherweise doch kein 
Zufall gewesen, hat der bislang als besonnen und umsichtig geltende 
Ziercke seiner Behörde einen Bärendienst erwiesen. Wie es zu dem 
peinlichen Vorgang kam, bleibt unklar: Gab es Übermittlungsfehler 
innerhalb des BKA? Erlag Ziercke dem Druck, neue Erkenntnisse 
präsentieren zu müssen? Geschenkt, denn im allgemeinen Gedächtnis 
wird hängen bleiben, dass Deutschlands wichtigster Polizist in dieser
heiklen Sache eine mutmaßlich nicht haltbare These vertreten hat.

   Mit jeder neu bekannt gewordenen Panne sehen sich die 
Sicherheitsbehörden immer stärkerem Druck ausgesetzt. Aus diesem 
Blickwinkel ist die Festnahme von André E., der für das Terror-Trio 
am Computer das menschenverachtende Video gebastelt hatte, ein 
regelrechtes Geschenk.

   Mit der Festnahme-Aktion kann endlich gezeigt werden: Wir tun was,
und wir tun es mit aller Macht. Denn warum sonst hat ausgerechnet die
GSG 9, die Elite-Einheit der Bundespolizei, die seit Mogadischu 1977 
einen fast legendären Ruf genießt, diesen Zugriff durchgeführt, für 
den normalerweise ein mobiles Einsatzkommando mehr als ausreichend 
gewesen wäre?



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