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Westdeutsche Zeitung: Der Dipl.-Ing. ist nichts als deutsche Akademikerfolklore = von Olaf Steinacker

Düsseldorf (ots) - Was ist wichtiger, Inhalt oder Verpackung? Keine Frage, es kommt immer darauf an, was drinsteckt. Das ist auch bei einem Studium der Ingenieurswissenschaften so. Inhaltlich macht es für Studenten keinen Unterschied, ob sie sich nach fünf Jahren an einer Hochschule Diplom-Ingenieur oder Master of Sience nennen dürfen. Entscheidend ist die Zeit vor dem Abschluss. Das wissen auch die neun Hochschulen, die jetzt den Diplom-Abschluss für Ingenieure wiederbeleben wollen. Deshalb können sie auch schlecht am Studiensystem à la Bolognese mit Bachelor und Master rütteln. Nach dem Ende des Studiums zeige sich aber, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen dem alten und neuen Abschluss gebe. Sagen die Hochschulen. Bei gleichem Wissens- und Notenstand werde sich ein Master-Absolvent schwerer tun, mit einem diplomierten Ingenieur mitzuhalten. Der Dipl.-Ing. habe Gewicht in Deutschland und in der Welt. Schließlich sei das Etikett "Made in Germany" zu weiten Teilen das Ergebnis deutscher Ingenieurskunst. Und die sei nun mal mit dem Diplom verknüpft. Möglichweise war es in der Tat nicht besonders klug, den Dipl.-Ing. ohne Not aufzugeben. Die Bologna-Verträge zumindest schreiben keinem Land vor, wie es akademische Grade zu nennen hat. In Österreich beispielsweise darf sich ein Ingenieur mit Master-Grad auch weiterhin Diplom-Ingenieur nennen. Deswegen in Deutschland nach einem Jahrzehnt das Rad zurückzudrehen und einen Abschluss zu reanimieren, der von den Kultusministern der Länder einvernehmlich beerdigt wurde, geht in die falsche Richtung. Unterm Strich ist die Bezeichnung Dipl.-Ing. nichts anderes als Akademikerfolklore und Marketing in eigener Sache. Übrigens war der Abschluss auch vor Bologna nicht einheitlich. Wer an einer Fachhochschule studierte, musste hinter seinem Grad mit dem Zusatz "FH" leben. Versäumt haben die Hochschulen eins: Klar zu machen, dass Master-Ingenieure genau so viel können wie ihre Diplom-Kollegen. Dass dem Master die Akzeptanz fehlt, haben die Universitäten sich und ihren Absolventen durch die mürrische und teilweise widerwillige Umsetzung der Studien-Reformen selbst eingebrockt. Daran ändert auch die neue/alte Verpackung nichts.

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