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Westdeutsche Zeitung: Kachelmann = von Wolfgang Radau

Düsseldorf (ots) - Mehr als 18 Wochen hat Jörg Kachelmann in Untersuchungshaft zugebracht. Ob zu Recht oder zu Unrecht, das wird demnächst vor dem Landgericht Mannheim verhandelt. Fest steht nur: Als der Wettermoderator am 20. März festgenommen wurde, geschah dies unter dringendem Tatverdacht. Anklage erhoben wurde wegen hinreichenden Tatverdachts. Freigelassen wurde er gestern, weil kein dringender Tatverdacht besteht. Es gibt viele Fragezeichen in diesem Fall. Dass die Justiz bestätigen musste, dass Kachelmann verhaftet worden ist, darauf hatte die Öffentlichkeit ein Anrecht. Über Grenzen der amtlichen Detailfreudigkeit kann man schon streiten. Dass er aber im Mannheimer Gerichtshof fotografiert werden konnte, dafür gab es wohl keine Rechtsgrundlage. Musste die lange U-Haft überhaupt sein? Stellte die denkbare Ausreise des Schweizer Staatsbürgers in die Schweiz wirklich eine Fluchtgefahr dar? Und als dann in Magazinen so etwas wie ein Vor-Prozess geführt wurde und Säulen der Anklage ins Wanken gerieten - war da noch ein hartnäckiges Festhalten am Haftbefehl gerechtfertigt? Schließlich die Rolle der Anwälte: Hätten sie nicht früher Haftbeschwerde einlegen können, anstatt Medien zu instrumentalisieren? Kachelmann ist eine Person in der Öffentlichkeit. Als solche muss er dulden, dass das Publikum erfährt, wenn ihm ein strafrechtlich schwerwiegender Vorwurf gemacht wird. Aber Kachelmann hat auch ein Recht auf Schutz seiner Persönlichkeit. Im Gegensatz zu einer früheren Partnerin, die ihre Sicht der Dinge auf Illustriertenseiten ausbreiten konnte, saß Kachelmann hinter Gittern. Und konnte sich nicht gegen die Schilderung von intimen Dingen wehren, die, solange sie einvernehmlich unter erwachsenen Menschen geschehen, Privatsache sind. Wie auch immer das Verfahren gegen Kachelmann ausgeht: Den Moderator, der auf allen Kanälen mit bubenhafter Unbekümmertheit die Wetternachrichten ins Fernsehen bringt, wird es nicht mehr geben. Irgendwas, weiß der Volksmund, bleibt hängen. Das gilt ebenso für die Frau, die vor ihrer Anzeige gegen Kachelmann nur in einem begrenzten lokalen Rahmen öffentlich war. Beide haben schon vor Prozessbeginn verloren - egal, wer am Ende Recht bekommt.

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