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Westdeutsche Zeitung: Hartz-IV-Aufstocker = von Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Bin ich denn dumm, wenn ich arbeite? Diese provokante Frage stellen sich in Deutschland 1,3 Millionen sogenannte Aufstocker möglicherweise täglich. Ihr Problem: Sie verdienen weniger, als Empfängern von Hartz IV zusteht. Folglich holen sie sich die Differenz von der Arbeitsverwaltung, stocken also ihr Gehalt auf. Für die Betroffenen kann das nicht befriedigend sein. Solch eine Situation zehrt am Selbstwertgefühl und an der Motivation. Auch gesellschaftspolitisch ist sie potenzieller Sprengstoff. Insofern besteht ein breiter Konsens darüber, dass eine Änderung nötig ist. Doch wie die Politik das schaffen soll, darauf fehlt die schlüssige Antwort. Die gängigen Vorschläge haben nämlich alle Tücken. Paradebeispiel Mindestlohn: Würde er, wie gefordert, bei 8,50 Euro pro Stunde liegen, könnten auf den ersten Blick zahlreiche Aufstocker auf den Gang zum Amt verzichten, weil sie dann von ihrer Arbeit leben könnten. Allerdings würde bei vielen dieser glückliche Zustand nicht anhalten, weil die Unternehmen etliche dieser Jobs zu teuer fänden - und sie schlicht strichen. Womit niemandem geholfen wäre. Die Alternative, die Transferleistungen weiter abzusenken, um den Reiz zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen, wird höchstens unter vorgehaltener Hand diskutiert - und sie ist eines hochentwickelten Kulturlandes nicht würdig. Denn sie könnte bedeuten, dass Bürger existenzielle Not, bis hin zum Hunger, litten. Eine Lösung muss trotzdem her, auch um Missbrauch einen Riegel vorzuschieben. Denn nur besonders Blauäugige glauben, dass es bei Aufstockern nicht einen gewissen Anteil an Betrügern gibt. Auch Unternehmen sind da nicht immer vorbildlich. Manche zahlen bewusst extrem bescheidene Löhne, weil sie ja wissen, dass sich ihre Mitarbeiter den Rest zum Leben vom Amt holen. Das ist legitim, aber ob das auch moralisch in Ordnung ist? So lange die Politik das Thema nicht befriedigend abgearbeitet hat, sollten sich die 1,3 Millionen Aufstocker selbst nicht irre machen lassen und im eigenen Interesse trotz des mangelnden finanziellen Anreizes weiter arbeiten. Das ist nicht nur besser für ihr Selbstbewusstsein. Vor allem wahren sie nur so die Perspektive, irgendwann eine qualifiziertere und besser bezahlte Anstellung zu ergattern.

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