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Westdeutsche Zeitung: Polen = von Wolfgang Radau

    Düsseldorf (ots) - Die Menschen in Polen, unsere Nachbarn, sind schockiert. Ihr Schock trägt einen Namen: Katyn - wieder einmal. Seit 70 Jahren steht der Ort bei Smolensk für 22 000-fachen Mord, für die Vernichtung der polnischen Elite durch das Stalin-Regime. In diesen Tagen sollte das offizielle Bekenntnis zur sowjetischen Schuld und der russisch-polnische Händedruck das Symbol einer Versöhnung sein und für den Neuanfang einer friedlichen Nachbarschaft im Osten Europas stehen. Vergleichbar mit dem Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau. Nun ist, wie der charismatische einstige Arbeiterführer Lech Walesa die Seelenlage seiner Mitmenschen beschreibt, "Katyn Nummer 2" über die Polen gekommen. An diesem Wochenende hat das in seiner Geschichte so gebeutelte Land erneut Vertreter seiner politischen, wirtschaftlichen, geistigen Elite verloren - unter ihnen Präsident Lech Kaczynski. Anders als vor 70 Jahren nicht aus eiskaltem politischem Kalkül, sondern als Folge einer Flugzeug-Katastrophe. Die nach den bisherigen Erkenntnissen wohl zurückzuführen ist auf technische Unzulänglichkeiten und menschliches Versagen. Polen steht, sobald die Lähmung gewichen ist, vor einem vorgezogenen Wahlkampf um die Präsidentschaft. Als gegensätzliche Kandidaten, die in diesen Tagen der Staatstrauer verständlicherweise anderes im Kopf haben, als ihren Hut in den Ring zu werfen, werden der jetzt kommissarisch amtierende, Europa zugewandte Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski und der Bruder des ums Leben gekommenen Präsidenten, der europa-skeptische Ex-Premierminister Jaroslaw Kaczynski genannt. Wichtig wird sein, dass möglichst bald und möglichst eindeutig die Ursachen für das Unglück von Smolensk ermittelt und beim Namen genannt werden. Damit ausgeschlossen ist, dass Polens Wahlkampf von abstrusen Verschwörungs-Spekulationen geprägt wird. Politischer Zündstoff ist zur Genüge vorhanden. Auch wenn das Katyn 2010 eine ganz andere Bedeutung bekommen hat, als in bester Absicht geplant, sollte neben den schrecklichen Unfall-Bildern auch dieser Eindruck in Erinnerung bleiben: das Bild der Ministerpräsidenten Putin und Tusk, die sich in gemeinsamer russisch-polnischer Trauer umarmen.

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