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Westdeutsche Zeitung: Angeschlagener Reise-Weltmeister Von Christoph Lumme =

    Düsseldorf (ots) - Wer in die Geschichte blickt, stößt erst spät auf das Phänomen Massentourismus. In der frühen Neuzeit war es eine kleine Gruppe von Kaufleuten, die auf abenteuerlichen Handelsrouten um die Welt reiste. Im 18. Jahrhundert schwärmten Adel und Großbürgertum nach Italien aus, um dort den Zauber der Antike zu suchen, und im späten 19. Jahrhundert zelebrierten die oberen Zehntausend ihre Sommerfrische an der Ostsee.

    Aber erst im deutschen Wirtschaftswunderland der 1950er Jahre zog es die Massen ans Meer und in die Berge. Wir waren plötzlich wer - unter anderem Reiseweltmeister.

    Nun droht der Verlust dieses Titels, weil die Ferienreise für einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr erschwinglich ist und die prekäre Arbeitswelt der Ich-AGs keine langen Auszeiten mehr erlaubt. Entwickelt sich der Urlaub zurück zur Sommerfrische, die dann wieder zum Privileg der Elite wird?

    Erstaunlich ist, wie scharf der Reisemarkt die sozialen Entwicklungen in Deutschland widerspiegelt: Eine kleine, gefestigte Oberschicht setzt sich selbstbewusst vom Massentourismus ab, will ferne Kulturen hautnah kennenlernen, ohne dabei aber auf Fünf-Sterne-Luxus verzichten zu müssen.

    Dagegen verhält sich die von der Wirtschaftskrise gebeutelte und vom Abstieg bedrohte Mittelschicht auch bei ihrer Reiseplanung verunsichert. Die Familien der "Mitte" hatten der Branche über Jahrzehnte Milliarden-Umsätze beschert, nun ist kein Verlass mehr auf sie. Da helfen auch keine Angebote, die versprechen, das Fernweh auf Pump zu stillen.

    Was nicht heißt, dass vom Massenphänomen Urlaub bald nur noch die elitäre Sommerfrische bleibt und die große Mehrheit sich darauf beschränkt, mit Google-Earth virtuell um die Welt zu reisen. Wie sich unsere Urlaubskultur entwickelt, hängt wesentlich davon ab, ob Deutschland sozial auseinanderdriftet oder ein von der Mittelschicht geprägtes Land bleibt.

    Ihren Titel Reiseweltmeister dürften die Bundesbürger allerdings ohnehin bald los sein. Schon jetzt wachsen an den Küsten Südostasiens gigantische Hotelburgen in den Himmel: Die neuen chinesischen Wohlstandsbürger stehen in den Startlöchern, um diese künstlichen Paradiese für sich zu erobern.

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