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Westdeutsche Zeitung: Die Sozialdemokraten sind spannender als Schwarz-Gelb - Kein Jubel, keine Freude, kein Projekt Von Alexander Marinos

    Düsseldorf (ots) - Jedem Anfang wohnt angeblich ein Zauber inne. Diesem Anfang nicht. Knapp eine Woche nach der Bundestagswahl herrscht eine merkwürdige Stimmung im Land. Abgesehen von der etwas absurden Frage, ob Guido Westerwelle nicht lieber Super- als Außenminister werden soll, interessiert man sich kaum für die Sieger. Das mag auch an den Siegern selbst liegen. Statt gemeinsam zu jubeln oder sich wenigstens artig zu freuen, piesacken die Schwarzen die Gelben, wo es nur geht.

    An der Spitze dieser merkwürdigen Bewegung steht die Bundeskanzlerin. Sie macht einfach weiter wie gehabt und zählt nüchtern auf, was mit ihr alles nicht geht. Und die FDP regt sich im Gegenzug darüber auf, dass Angela Merkel irgendwie nicht anerkennen will, wie superwichtig die Liberalen inzwischen sind. Politisch betrachtet, sei Merkel zurzeit nicht Kanzlerin, sondern "nur" CDU-Vorsitzende, heißt es aus der FDP. Kanzlerin werde sie erst wieder mit den Stimmen der Liberalen. Da ist etwas dran.

    Die nächsten Wochen werden zeigen, ob es der neuen Koalition gelingt, so etwas wie ein gemeinsames Projekt zu entwerfen. Eine große Steuerreform mit Entlastungen für die Bürger dürfte es jedenfalls nicht sein. Für die nötige Vernunft sorgt schon die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse sowie das von der EU angedrohte Defizitverfahren (übrigens eine Erfindung von Theo Waigel, Finanzminister einer schwarz-gelben Regierung).

    Viel spannender ist da schon, was der Wahlverlierer so treibt. Je nachdem, welche Metaphern man bevorzugt, ist die SPD ja am vergangenen Sonntag über die Wupper gegangen oder liegt im Koma oder wurde atomisiert. Als Hobby-Psychologe könnte man auch sagen, die Sozialdemokraten müssten sich jetzt erst mal wieder selbst finden. Schon länger wird kolportiert, dass der SPD das Soziale verlorengegangen ist. Nun stellt sich heraus, dass es auch mit dem Demokratischen nicht weit her ist. Erst kungelt eine kleine Hinterzimmer-Runde aus, wer Fraktionsvorsitzender wird. Dann hebt eine größere Hinterzimmer-Runde einen kompletten Vorstand mit Generalsekretärin aus der Taufe. Und die zuständigen Gremien dürfen das später nur noch abnicken.

    Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Aber so manchem Ende eine Entzauberung.

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