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Westdeutsche Zeitung: Im Wahlkampf sind sämtliche Maßstäbe verrutscht - Derr Affären-Skandal Von Alexander Marinos =

    Düsseldorf (ots) - Worüber hat sich die Republik eigentlich wochenlang aufgeregt? Darüber, dass wir Kindern aus bildungsfernen Schichten den sozialen Aufstieg noch immer viel zu schwer machen? Darüber, dass der Staat die Leistungsträger unserer Gesellschaft systematisch schröpft? Darüber, dass Bankmanager schon wieder beim großen Finanzroulette mitmachen, weil sie wissen, dass der Steuerzahler die "systemischen" Institute im Falle eines Falles rettet - koste es, was es wolle? All das sind handfeste Skandale, über die wir dringend reden müssen. Stattdessen gab es wahlkampfbedingt erst die "Ulla-Schmidt-Affäre", dann die "Guttenberg-Affäre" und schließlich die "Merkel-Ackermann-Affäre". Dass nun ausgerechnet ein Hau-Drauf wie CSU-Chef Horst Seehofer ein Ende dieser elenden Debatten fordert, sollte auch die Marathon-Läufer unter den Empörungs-Erprobten aufrütteln: Der Mann hat Recht. Es reicht!

    Wie konnten die Maßstäbe nur derart verrücken? Natürlich ist es ärgerlich, wenn sich die Gesundheitsministerin ihren Dienstwagen in den Urlaubsort bringen lässt und das dann auch noch mit einem "Das steht mir zu" kommentiert. Tagelang rechneten Steuerzahlerbund, Rechnungshof und Haushaltsausschuss nach, ob hier oder da vielleicht 10 000 Euro zuviel ausgegeben wurden (man will gar nicht wissen, was das Nachrechnen kostete). Natürlich ist es bedenklich, dass der Wirtschaftsminister Gesetzestexte von Anwaltskanzleien schreiben lässt, statt sich auf die Kompetenz der Experten im eigenen Ministerium zu verlassen. Und natürlich ist es nur schwer einsehbar, warum der Steuerzahler für ein Abendessen im Kanzleramt zahlen soll, das in irgendeinem Zusammenhang mit dem Geburtstag des Deutsche-Bank-Chefs steht. Aber wäre es nicht sinnvoller, solche Dinge künftig schneller abzuhaken? Gerade erst wurde bekannt, dass die Hypo Real Estate womöglich weitere sieben Milliarden Euro braucht. Nur damit die Dimensionen klar sind: Dafür könnte sich Ulla Schmidt ihren Dienstwagen noch weitere 700 000 Mal nach Alicante bringen lassen.

    Die Schweinegrippe ist nicht die einzige grassierende Seuche. Eine andere ist die gemeine Affäritis: der Drang, aus jeder Verfehlung eine Affäre zu machen, die den Blick auf die wahren Probleme verstellt. Skan-da-lös!

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