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Westdeutsche Zeitung: Berlusconi = von Alexander Marinos

    Düsseldorf (ots) - Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Regierungschef von der ausländischen Presse härter kritisiert wird als von der einheimischen. Andererseits ist das im Fall Berlusconi auch wieder nicht so überraschend: Schließlich gehören ihm praktischerweise die wichtigsten Medien Italiens. Dass der Cavaliere (italienisch "Ritter") kurz vor der Europawahl trotzdem innenpolitisch in Bedrängnis gerät, weil er blutjungen Models nicht widerstehen kann, ist allein seiner Frau zu verdanken, die härter gegen ihn vorgeht als italienische Journalisten und Oppositionelle. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich über diesen Mogul, der in seiner eigenen Telenovela die Hauptrolle spielt, kaputtlachen. Was hat dieser Mann nur angestellt mit dem einst so stolzen Italien? Oder besser gefragt: Wie kann es sein, dass sich dieses Kernland der EU mit seiner reichen Kultur von einem hemmungslos egozentrischen Machtmenschen dominieren lässt? Man kann es ja lustig finden, wenn ein italienischer Ministerpräsident einer deutschen Kanzlerin hinter einer Säule auflauert und sie dann mit einem "Kuckuck" erschreckt. Spätestens dann aber, wenn er Vergewaltigungen im eigenen Land als unvermeidbar bezeichnet, weil die Frauen Italiens so schön seien, wenn er ein Erdbebengebiet mit einem Campinglager vergleicht oder Flüchtlingslager mit KZs, hört der Spaß auf. Dann ist das nicht nur einfach peinlich, sondern vielmehr ein Beleg für die Abwesenheit von Anstand und Moral. Ja, Berlusconi hätte einen Dämpfer bei der Europawahl verdient - aber nicht wegen angeblich amouröser Abenteuer mit einer 18-Jährigen. Er hätte sie verdient, weil er politische Gegner diffamiert. Weil seine Fernsehsender nicht Bildung befördern, sondern Dummheit. Weil er andere Verfassungsorgane missachtet. Weil er aus der Presse- eine Berlusconi-Freiheit gemacht hat. Weil er seine Interessen als Unternehmer, Privat- und Staatsmann munter vermischt und sogar die Verfassung zu seinem persönlichen Vorteil verändert. Und weil er aus dem Rechtsgrundsatz "In dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) den Grundsatz "In dubio pro Silvio" gemacht hat. Zusammengefasst: Silvio Berlusconi hätte eine Niederlage verdient, weil er eine Demokratie im Herzen Europas beschädigt hat.

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