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Westdeutsche Zeitung: Papst in Israel = von Alexander Marinos

    Düsseldorf (ots) - Der Papst-Besuch in Israel hinterlässt das Gefühl einer verpassten Gelegenheit - für den Papst, aber auch für Israel. Ja, die Rehabilitierung der Pius-Brüder war ein großer Fehler, den Benedikt hätte offen ansprechen können. Und ja, eine Entschuldigung für das Schweigen der Kirche während der Judenvernichtung zur NS-Zeit wäre durchaus angebracht gewesen. Doch das rechtfertigt nicht die zum Teil harsche Kritik an der Rede in Jad Vaschem. Wer diese einfach nur als "kalt", "abstrakt" und sogar "emotionslos" geißelt, tut dem Papst gleich doppelt Unrecht. Benedikt ist kein Menschenfischer, der seine Emotionalität in mitreißenden Reden zur Schau stellt. Sein Hang zum philosophisch-theologischen Analysieren verleiht ihm per se nicht das Charisma seines Vorgängers Johannes Paul II.. Und doch war Benedikts Appell, die Namen der Shoa-Opfer nie zu vergessen, keineswegs nur eine Kopfgeburt, sondern ein zu Herzen gehender Hinweis auf den Namen der Gedenkstätte: Yad (Denkmal), Shem (Name). Das ist im allgemeinen Empörungsrauschen leider untergegangen. Tatsächlich hatte der Papst von Anfang an keine Chance, den hohen Erwartungen in Israel und beim Zentralrat der Juden in Deutschland zu entsprechen. Benedikt ist Papst, kein Rabbi. Wieso also hätte er sich in Israel von der Karfreitagsfürbitte distanzieren sollen, in der dafür gebetet wird, dass die Juden Jesus als ihren Heiland anerkennen mögen? Soll sich das Oberhaupt der katholischen Kirche am Ende noch vom Glauben an den Messias verabschieden? Und wieso eigentlich hätte der Papst in Jad Vaschem unbedingt die Gräueltaten der Nazis ansprechen müssen? Weil er ein Deutscher ist? Benedikt kam nicht als deutscher Politiker nach Israel, sondern als Führer einer Weltreligion. Für Nazi-Deutschland entschuldigt sich das deutsche Staatsoberhaupt oder auch die deutsche Regierungschefin - aber nicht der Papst. Außerdem ist Jad Vaschem eine Gedenkstätte für die Opfer. Es ist nur folgerichtig, dass sich Benedikt dort allein auf sie konzentriert hat. Gestern, einen Tag nach der umstrittenen Rede, sprach er von dem Wunsch, dass sich Juden und Christen dauerhaft versöhnen mögen. Dazu müssten beide Seiten aufeinander zugehen - auch die Juden auf die Christen.

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