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Westdeutsche Zeitung: Klinsmann = Von Olaf Kupfer

    Düsseldorf (ots) - Franz Beckenbauer hatte nach dem 0:1 in der Fußball-Bundesliga gegen Schalke 04 noch ein letztes Bonbon übrig. "Nach mir ist Jürgen Klinsmann der fleißigste Trainer, den ich beim FC Bayern erlebt habe", hatte der Klubchef gesagt. Es klang angesichts der verheerenden Bilanz des Trainers wie Hohn, und es gab einen Eindruck davon, wie sehr die Bayern-Bosse im Misserfolg von ihrem einstigen Heilsbringer abgerückt waren. Klinsmanns Scheitern ist durchaus der Beweis, dass individuelle Qualitäten wie Fleiß, guter Wille, Innovation, innere Überzeugung und Eigenmotivation nicht zwingend zum kurzfristigen Erfolg eines Gesamtprojekts führen. Die äußeren Einflüsse (Fans, Medien) hat der Trainer unterschätzt, sich in seinen selbstbewussten Ankündigungen zu sehr auf seine individuelle Gestaltungskraft, aber zu wenig auf die ihm vorgegebene personelle Planung verlassen. Womit wir beim wichtigeren Punkt wären: Klinsmanns Scheitern nach nur zehn Monaten ist zuerst ein Eingeständnis der Münchner Führungsriege, sich im Zwiespalt von Millioneninvestitionen und ausbleibendem internationalen Erfolg in eine Idee verrannt zu haben, die nie zu Ende gedacht war. In Spitzenkräfte wie Ribéry, Toni oder Klose hatten die Bayern bereits ein Jahr zuvor investiert, jetzt sollte Klinsmann sie alle auf ein höheres Niveau bringen. Eine Mannschaft, die der Trainer vermutlich so nie zusammengestellt hätte. Der Kader weist katastrophale Planungsfehler auf (kein Kahn-Ersatz, kaum Qualität in der Außenverteidigung, nur drei Stürmer), für die der Trainer kaum verantwortlich zu machen ist. Wer Klinsmann holt, muss von seiner Philosophie überzeugt sein. Und wer von seiner Philosophie überzeugt ist, muss sie stützen - jenseits von kurzfristigen Ergebnissen. Dass dieser Mentalitätswandel den konservativen Großkopferten zu keinem Zeitpunkt ins Mark übergegangen ist, haben sie gestern bewiesen: die Bereitschaft, Klinsmann fünf Spieltage vor Saisonende zu opfern, zeigt die akute Angst, die großen Geldtöpfe der Champions League zu verpassen. Die Totalumkehr hin zu konservativen Übungsleitern wie Heynckes und Gerland zeigt noch mehr: Die Sehnsucht des FC Bayern, die Zeit zurückzudrehen. Mehr Eingeständnis geht nicht.

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