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Westdeutsche Zeitung: Finanzkrise = von Alexander Marinos

    Düsseldorf (ots) - Wer in diesen Tagen nur von einer Neuordnung der Finanzmärkte spricht, erfasst die historische Dimension dieses Vorgangs unvollständig: Denn erstens geht es nicht allein darum, etwas "neu" zu ordnen. Das nämlich würde eine alte Ordnung voraussetzen, die es gar nicht gab, weil sich das System bestenfalls selbst reguliert und jede staatliche Einmischung als illiberal diffamiert hat. Zweitens - und insofern stehen wir wirklich vor einer Zeitenwende - ändert sich gerade die weltweite Verteilung politischer Macht. Wir stehen also nicht nur vor einer neuen Weltfinanz-, sondern auch vor einer neuen Weltpolitordnung, aus der sich neben Risiken wichtige Chancen ergeben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat die Europäische Union in der Krise ungewohnte Einigkeit demonstriert und sich entschlossen an die Spitze der weltweiten Bewegung gesetzt. Das EU-Programm zur Rettung der Banken war so überzeugend, dass die USA sich beeilen mussten, ihr eigenes Rettungspaket dem europäischen anzugleichen. Auch dem geplanten Weltfinanzgipfel im November gibt die EU bereits die Richtung vor. Europa befindet sich also endlich einmal auch gefühlt auf Augenhöhe zu den USA. Das kann gerne so bleiben. Nun hat der Bedeutungsverlust der Vereinigten Staaten nicht erst mit der Finanzkrise begonnen. Schon das Irak-Krieg-Desaster hat den Traum der Bush-Regierung, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als einzige verbliebene Supermacht der Welt ihren Willen aufdrücken zu können, zerplatzen lassen. Die Finanzkrise verstärkt diese Entwicklung jedoch. Der Dollar ist nicht mehr die selbstverständliche Leitwährung, die Wall Street nicht mehr die selbstverständliche Leitbörse. Dass Bush die USA in eine gigantische Staatsverschuldung getrieben hat, ist alles andere als vorbildlich - und Teil des aktuellen Problems. Es ist nun an Europa, das geopolitische Vakuum zu füllen. Eine europäische "Wirtschaftsregierung", wie sie Sarkozy vorgeschlagen hat, wäre ein richtiger Schritt, um der EU innerhalb der neuen Weltpolitordnung dauerhaft Gewicht zu verleihen. Wie multipolar diese Ordnung ist, zeigt der Weltfinanzgipfel, an dem auch China, Indien, Brasilien und Südafrika teilnehmen werden. Das von den USA dominierte G 8-System war gestern.

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