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Westdeutsche Zeitung: Bayreuther Festspiele: Rücktritt Wagner's = Von Sophia Willems

    Düsseldorf (ots) - Es muss gestern ein großes Aufatmen durch die Musikwelt gegangen sein: Der große Gralshüter, der das weltweit wichtigste Musikfestival seit 1951 mit seinem Bruder Wieland leitete und seit 1966 ganz allein beherrscht, Wolfgang Wagner also, macht den Weg frei für die Zukunft. Denn ohne den Rücktritt kein Neubeginn. Und er ist überfällig, beschied sich das eigentliche Festspiel-Ereignis doch längst nur noch mit der Wiederkehr des immer Gleichen. Es wären manche neuen Töne denkbar und sicherlich im Geiste Richard Wagners. Der hatte die Festspiele nach der Revolution 1848 als Protest gegen den zeitgenössischen Opernbetrieb, gegen Effekthascherei und aufgeblasenes Virtuosentum verstanden wissen wollen, und sie begannen 1876 in diesem Geiste. So hatte sein Nachfahr Pierre Boulez viel mit ihm gemein, als er als junger Mann verlangte, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Wagner war ein Linker, für den Kunst und Gesellschaft sich eng verzahnten. Nach Krieg und unseliger Hitler-Verehrung auf dem Hügel hielt schon einmal in Bayreuth ein neuer Geist Einzug: Wieland begründete mit der Bühnen-Entrümpelung das "Neu-Bayreuth", Wolfgang mit dem Regie-Prozess über Jahre die "Werkstatt Bayreuth". Lange her. Nun darf die Frage nicht länger tabu sein, ob Bayreuth durch andere als Wagner-Werken "entweiht" wird. Vielmehr muss gefragt werden, ob nicht gerade andere Opern, auch zeitgenössische, für neue künstlerische Höhenflüge unabdingbar sind. Ohnehin haben längst andere Bayreuth den interpretatorischen Rang abgelaufen. Das neue Konzept steht und fällt mit den Persönlichkeiten. Wagners Trick hat schon die Dämonie eines Wotan: Er mutet dem Stiftungsrat die Kröte Katharina (29) zu. Der schluckt sie, weil er als Draufgabe die Königin Eva (63) und den Rücktritt Wolfgangs erhält. Katharina Wagner hat wenig Theaterluft geschnuppert, Eva Wagner-Pasquier aber war Chefin in London, sie machte Programme an der Bastille-Oper, arbeitete in Madrid, an der Met, in Aix. Zur Abrundung des intellektuellen Niveaus wäre das Duo Eva/Nike ideal. Aber neue Personalien sind noch möglich; die Bewerbungsfrist endet erst am 31. August. Auch wenn diese Namen dann womöglich dem sturen Oberfranken Wolfgang nicht passen.

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