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Westdeutsche Zeitung: Die Lehren aus dem Fall Coesfeld = von Wolfgang Radau

    Düsseldorf (ots) - Es mag sein, dass etliche junge Kerle beim Bund ein Prickeln empfinden, wenn sie beim Nachtmarsch überfallen, gefesselt und unter dem Geknatter eines Maschinengewehrs "verhört" werden. Ein solches Geländespiel sei der Höhepunkt der Grundausbildung, wollten die Angeklagten im sogenannten Coesfeld-Prozess glauben machen. Etliche Rekruten hatten da eine andere Wahrnehmung: Dass ihnen bei verbundenen Augen Wasser in die Nase gepumpt wurde, sei ebensowenig spaßig gewesen wie Stromstöße mit dem Feldtelefon, Schläge, Fußtritte und andere Schikanen. Nein - das seien massive Angriffe gegen die Menschenwürde gewesen, entschied gestern auch das Landgericht Münster und verurteilte fünf Soldaten wegen Misshandlung ihrer Untergebenen. Der Skandal liegt darin, dass junge Wehrpflichtige hilflos der Willkür krimineller Ausbilder ausgesetzt sind und am Ende sogar noch zum Schweigen vergattert werden. Von Vorgesetzten, die sich hinter dem nächsthöheren Dienstgrad verstecken und, wenn das Schwarzer-Peter-Spiel ins Stocken gerät, wieder nach unten zeigen: Dort seien die Verantwortlichen zu finden - sie selbst hätten nichts gewusst. Bezeichnend für die Vorkommnisse von Coesfeld ist, dass die verurteilten Akteure in der Mehrzahl Unteroffiziere waren, die Auslandseinsätze und eine entsprechende Spezial-Ausbildung hinter sich haben. Das Beispiel zeigt, dass es der Bundeswehr nicht überzeugend gelingt, ihre Afghanistan- und Bosnien-Kämpfer auf den Boden ziviler mitteleuropäischer Verhältnisse zurückzuholen. Die Rekruten von Coesfeld waren eben keine Freiwilligen einer Sonder-Einsatztruppe, sondern Staatsbürger, die für kurze Zeit Uniform tragen und zum militärischen Instandsetzungsdienst weitab jeder Front ausgebildet werden. Dem Wehrbeauftragten Reinhold Robbe, den die Frage umtreibt, warum der Fall Coesfeld nur durch Zufall ans Licht gekommen ist, sei gesagt: Gut, dass er überhaupt publik geworden ist - durch Wehrpflichtige, die trotz Drohungen den Mund aufgemacht haben. Sobald die Urteile rechtskräftig sind, muss die Bundeswehr die Schleifer von Coesfeld für immer aus dem Verkehr ziehen. Zur ihrer eigenen Sicherheit - und als Warnung für potentielle Nachahmer.

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