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Westdeutsche Zeitung: Die Debatte um die jüngsten Gewaltexzesse ist verlogen - Jugendliche brauchen schnelle Sanktionen = Von Friedrich Roeingh

    Düsseldorf (ots) - Der Streit um wirksamere Strafen gegen junge Gewalttäter leidet wie alle gesellschaftspolitischen Debatten unter ihrer parteipolitischen Instrumentalisierung. Mit seinem Ruf zur Abschiebung ausländischer Schläger hat Roland Koch die hessische Landtagswahl Ende Januar befeuert. Zu dumm nur, dass die Vorkommnisse der vergangenen Tage zeigen: Das Problem ist keineswegs auf ausländische Jugendliche beschränkt. Ebenso eilfertig scheint die reflexhafte Abwehr von Justizministerin Brigitte Zypries gegen den Vorschlag, jungen Straftätern in Erziehungscamps den Kopf zu waschen. Die Debatte verläuft wie so häufig nach dem Muster: Wenn Stammtische und linksliberale Idealisten bedient worden sind, können wir zur Tagesordnung übergehen.

    Am Anfang sollte die Erkenntnis stehen, dass Gewaltexzesse und Drogensucht bei Jugendlichen ganz ähnliche Wurzeln haben: Deformierte Persönlichkeiten, die einen Mangel an Zuneigung, Vorbildern und persönlichen Perspektiven in Zerstörung oder Selbstzerstörung lenken. Solche Ursachensuche redet keiner Kuschelpädagogik das Wort. Sie belegt aber das Primat der Vorbeugung. Die Zusammenarbeit von Jugendämtern, Sozialämtern, Schulen und Polizei steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Wer aber wie die hessische Landesregierung Präventionsprogramme sogar zurückgefahren und Stellen bei der Polizei und in der Justiz abgebaut hat, der sollte den Mund nicht ganz so voll nehmen.

    Auch die besten Vorsorgeprogramme aber werden Sanktionen gegen jugendliche Gewalttäter nicht überflüssig machen. Hier gilt der Grundsatz, den alle erfahrenen Eltern und Pädagogen kennen: Die Strafe oder der Ausgleich für eine begangene Tat müssen möglichst sofort folgen. Auch an diesem Punkt ist die Praxis des Jugendstrafrechts in Deutschland noch meilenweit vom Ziel entfernt.

    Bleibt die Frage nach den Erziehungscamps. Wer um die fatale Wirkung von Untersuchungshaft und Gefängnisstrafen auf jugendliche Täter weiß, kann diese Idee nur begrüßen. Das Problem: Solche Camps könnten nur mit einer erheblich aufwändigeren Betreuung Erfolg haben. Schon deshalb wird dieser Vorstoß das Stadium praktischer Politik erst gar nicht erreichen.

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