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Westdeutsche Zeitung: Wann kommen die Opfer zu ihrem Recht? Von Friedrich Roeingh

    Düsseldorf (ots) - Die Deutung jüngerer Geschichte ist in der Regel von politischen Positionen und Interessen geleitet. Die Wiederentdeckung des Schießbefehls an der deutsch-deutschen Grenze ist dafür ein Lehrbeispiel. Der Birthler-Behörde, die in diesen Tagen für die Fortführung ihrer Eigenständigkeit eintritt, kam die "Enthüllung" des Stasi-Schießbefehls gegen Frauen und Kinder gerade recht. Peinlich nur, dass sie sich nachweisen lassen muss, diesen Fund für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert zu haben. Derselbe Schießbefehl an die Stasi-Sondereinheiten, die die Grenzkommandos der DDR-Volksarmee zu unterwandern hatten, war bereits vor zehn Jahren in einer wissenschaftlichen Dokumentation veröffentlicht worden.

    Ist das Thema damit ein alter Hut, den wir in die Mottenkiste der deutsch-deutschen Teilung zurücklegen können? Mitnichten. Es ist beschämend genug, dass wir den Stasi-Terror, mit dem die sozialistischen Machthaber den Deutschen in der DDR die Freiheit geraubt und hunderttausende Opfer kriminalisiert und tyrannisiert hatten, bis heute als lästige Hypothek der Geschichte begreifen. Während die ostdeutsche Gesellschaft die psychologisch erklärbare Verdrängung vorzog, die wir noch zu gut aus der mangelhaften Aufarbeitung der Nazi-Gräuel in der Nachkriegszeit kennen, wollten wir uns in Westdeutschland nicht von den aktuellen Fragen der deutschen Einheit ablenken lassen.

    Der kritische Blick auf manche Fehlentwicklung dieses vor allem wirtschaftlich schmerzhaften Prozesses ist uns bis heute weitaus mehr Aufmerksamkeit wert als die Opfer des Stasi-Staates. Die mehr als 1000 Menschen, die bei Fluchtversuchen über die deutsch-deutsche Grenze ums Leben kamen, sind nur ein Teil von ihnen. Die Menschen, denen die Stasi ihre Lebensperspektiven verbaute und die körperliche und psychische Schäden ihr Leben lang nicht mehr los werden, gehören ebenso dazu.

    Gerechtigkeit werden wir diesen Opfern, die zu einem guten Teil auch als Vorbilder taugen, erst zukommen lassen, wenn wir die Toten beim Namen nennen und die lebenden Opfer wenigstens auf symbolische Entschädigung hoffen dürfen. Das aber ist eines der wenigen Tabus deutscher Politik nach Überwindung der staatlichen Teilung.

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