Der Standard

DER STANDARD-Kommentar: "Im Land bestellter Wahrheiten" von Christoph Prantner

In den USA führt die Presse ein Rückzugsgefecht um ihre Freiheit (Ausgabe ET 20.8.2014)

Wien (ots) - Es ist nichts passiert. Nach drei Stunden war er ja wieder frei, konnte ungehindert seiner Arbeit als Reporter nachgehen. Ein paar Polizeibeamte haben einfach über-reagiert. In der angespannten Atmosphäre von Ferguson kann das schon passieren. Immerhin herrscht Ausnahmezustand, es war die x-te Nacht gewalttätiger Krawalle.

All das könnte man behaupten. Denn die Vereinigten Staaten sind ein zivilisiertes Land, keine autoritäre Bananenrepublik. Die Festnahme unseres USA-Korrespondenten Frank Herrmann und seines Kollegen von der Welt, Ansgar Graw, möchte man denken, sei einfach ein betrüblicher Einzelfall gewesen, ein Versehen.

Das - verstörende - Problem an dieser Version ist: Sie entspricht nicht den Tatsachen. Was dem Standard-Reporter und seinem Kollegen in Missouri passiert ist, ist kein Einzelfall. Es ist die jüngste Episode im systematisch vorangetriebenen Vorhaben der Regierenden, dem "Land of the Free" die Freiheit gründlich auszutreiben.

1789 wurde die ersten zehn Zusatzartikel zur US-Verfassung als "Bill of Rights" beschlossen. Deren erster garantiert die Presse- und Meinungsfreiheit. Daraus hat sich die amerikanische Presse als ein unbestechliches Sprachrohr für Freiheits- und Bürgerrechte entwickelt. Sie nahm sich ihren Raum und ließ sich durch nichts einschüchtern. Erst unlängst erinnerte man daran, dass unerschrockene Reporter sogar Präsidenten stürzen konnten. Richard Nixon musste abtreten, weil niemand den Watergate-Rechercheuren in den Arm fallen konnte, weil sich Journalisten und Verleger der Wahrheit verpflichtet fühlten und niemandem sonst. Die Presse war frei, die Demokratie lebendig.

Times long gone. Die US-Medien sind heute ein Schatten ihrer selbst. Sie haben wirtschaftliche Probleme, vor allem aber die politische Unterstützung verloren. Vor ein paar Jahren hielt der damalige Herausgeber von USA Today, Ken Paulson, ein beeindruckendes Referat: Er belegte, dass sich die Rollen von Journalisten in Hollywoodfilmen im Laufe der Jahrzehnte von Helden immer mehr zu zynischen Halbweltlern gewandelt hatten. Und: dass die Medien das Wohlwollen von Kongress, Justiz und Gesellschaft verloren hatten. Clark Kent und Superman? Das war einmal.

Nixons Nachfolger haben - insbesondere nach 9/11 - alles darangesetzt, sich die Presse für ihre Zwecke herzurichten. Aufgedeckt wird in den Staaten nur noch das, was aufgedeckt werden soll. Watergate heute? Vergessen sie es. Als George W. Bush den Irakkrieg vom Zaun brach, scharten sich die Zeitungen, wider besseres Wissen und mit wenigen Ausnahmen, hinter ihm. Der Verfassungsrechtler Barack Obama lässt Whistleblower - sechs an der Zahl und doppelt so viele wie alle Präsidenten vor ihm zusammengenommen - mit heiligem Eifer nach dem Espionage Act von 1917 verfolgen. Vergangenes Jahr kam etwa gleichzeitig mit dem Snowden-Skandal auf, dass die US-Regierung AP-Journalisten auf einen windigen Verdacht hin systematisch überwachte.

Diese Praxis führt dazu, dass Informationsquellen austrocknen, dass Journalisten, die Unbequemes aufdecken, als Nestbeschmutzer gelten. Den Rest erledigen Dossiers der Nachrichtendienste, die aus der freien eine gefügige Presse machen, aus Reportern Kolporteure bestellter Wahrheiten - im Mutterland der Demokratie.

Ferguson, ein Versehen? Es wäre schön, könnte man das behaupten.

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