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DER STANDARD-Kommentar: "Olympiatourismus" von Eric Frey

"Politikerreisen nach Sotschi"; Ausgabe vom 28.12.2013

Wien (ots) - Olympische Spiele sind Sportereignisse, die ohne Athleten nicht stattfinden können. Ausländische Staats- und Regierungschefs sind willkommene Zaungäste, mit denen sich Gastgeber gerne schmücken. Notwendig für den Erfolg der Spiele sind sie nicht. Deshalb ist es ärgerlich, dass von einem Olympia-Boykott die Rede ist, wenn Politiker wie der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck der Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Sotschi nicht nachkommen. Er signalisiert damit zwar seine Ablehnung der russischen Unterdrückungspolitik, die sich auch nach den jüngsten Amnestien nicht grundsätzlich geändert hat. Auch die Tatsache, dass Winterspiele noch nie mit so viel finanziellem Aufwand und unter Missachtung der Umwelt dazu genutzt wurden, das Image eines Autokraten aufzupolieren, macht einen Besuch in Sotschi nicht gerade attraktiver. Ein Boykott wie jener der Moskauer Sommerspiele 1980, zu denen 42 Nationen (aber nicht Österreich) aus Protest gegen die sowjetische Afghanistan-Invasion keine Sportler entsandten, ist Gaucks Entscheidung aber nicht. Bundespräsident Heinz Fischer, Bundeskanzler Werner Faymann und Sportminister Gerald Klug dürften dies anders sehen und aus Staatsräson und sportlichem Interesse zu den Spielen fahren. Österreich pflegt gute politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Russland und hält sich mit Kritik an dessen Menschenrechtspolitik stets zurück. Ob ein offizieller Vertreter Österreichs bei der Eröffnungsfeier im Stadion sitzt, wird genauso wenig auffallen wie die Abwesenheit bei der Trauerfeier für Nelson Mandela. Und bis auf die Grünen gibt es auch im Inland kaum Stimmen, die darin eine Verletzung demokratischer Werte sehen. Von einem Land, das Friedensmissionen abbricht, sobald scharf geschossen wird, wird Zivilcourage nicht erwartet. Aber Österreichs Politiker sollten sich hüten, wie Fischer ihr Kommen damit zu begründen, dass sie Olympia nicht boykottieren wollen. Damit signalisieren sie eine Solidarität mit den Athleten, die diese nicht benötigen. Schlierenzauer, Hirscher und Co ist es gleichgültig, ob ihnen ein Regierungsvertreter zusieht und die Hand schüttelt. Im Gegenteil: Der Fokus auf die Teilnahme von Spitzenpolitikern tut solchen Sportereignissen nicht gut. Würden diese grundsätzlich auf Olympiatourismus verzichten, wären auch Putin und Konsorten weniger darauf erpicht, Spiele im gigantomanischen Stil auszurichten.

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