DER STANDARD-Kommentar: "Der Triumph der Anti-Politik" von Christoph Prantner

Wien (ots) - Die Krise zeitigt ein neues Zeitalter der Extreme und Italien ist wieder Vorreiter

Wien (ots) - Noch bevor die erste Hochrechnung am Montagnachmittag auf Sendung ging, sprach eine aufgekratzte Reporterin von der Dritten Republik, die man sich nun im Hauptsitz des Partito Democratico in Rom erwarte. Ein Neustart, diesem müsse sich Italien nun unter der Führung einer Mitte-links-Koalition stellen. Ein Neustart? Nach allem, was während eines hektischen Wahlabends abzusehen war, sieht eine Stunde Null durchaus anders aus. Im Gegenteil: Bei dieser Wahl kam die zweite italienische Republik ganz zu sich. Bei dieser Wahl triumphierten weder Mitte-links noch Mitte-rechts, sondern das was man in Italien gemeinhin antipolitica, Anti-Politik, nennt. Dominiert haben die italienische Wahlauseinandersetzung zwei ihrer schillerndsten Exponenten: die zwei Komödianten Beppe Grillo und Silvio Berlusconi. Diese beiden Großmeister des Populismus und der Demagogie haben die Stimmen der Vernunft in Italien beinahe zum Schweigen gebracht. Grillo hat seine Anti-Alles-Bewegung aus dem Stand zu einer der stärksten politischen Kräfte des Landes gemacht, Berlusconi eine unglaubliche Aufholjagd beinahe ins Ziel gebracht. Noch um Weihnachten war seine Partei politisch de facto klinisch tot, in wenigen Wochen hat mit Hilfe seiner Hausmedien sein Evangelium unter seinen Jüngern wieder populär gemacht. Beiden Herren gemeinsam ist ein absoluter Mangel an Sinn für Gemeinwesen und Staatsverantwortung. Sie regieren auf der Piazza, nicht im Parlament. Sie zeigen, wie sehr herkömmliche politische Parteien bereits ihre Funktion als Katalysatoren von Interessen verloren haben. Erst Recht in Italien, wo die Parteien seit geraumer Zeit nur noch mit sich selber und nicht mit den Menschen beschäftigt sind. Ist Grillo ein Newcomer in diesem Spiel, hat Berlusconi es erfolgreich vergessen lassen, dass er schon 20 Jahre Teil des Systems ist, dessen die Italiener überdrüssig sind. Das Wahlergebnis hat unmittelbar unabsehbare Konsequenzen: Die kleinen Sanierungserfolge Mario Montis stehen auf dem Spiel. Das Land ist einmal mehr de facto unregierbar, mit allen Folgen für die Italiener selbst und auch für die Europäische Union. Die Eurokrise muss nun wohl wieder aus der Ablage zurückgeholt werden. Die mittelbaren Konsequenzen unterdessen mögen noch schwerer wiegen. In allen europäischen Wahlgängen haben die Ränder, die Radikalen zuletzt an Zustimmung gewonnen. In Italien hat die Wirtschafts- und Politikkrise einen jüngsten Höhepunkt im neuen Zeitalter der Extreme entstehen lassen. Vor knapp 100 Jahren ist der Faschismus dort groß geworden. Heute haben gnadenlose Demagogen, die mit der Demokratie nichts wollen als ihren eigenen ideologischen Eifer ungezügelt durchzusetzen, im italienischen Parlament wieder eine große Mehrheit. Die vereinigten Antipolitiker werden dort dafür sorgen, dass es auch in Hinkunft kein Wahlrecht geben wird, dass von den Abgeordneten selbst nicht mehr als "Sauerei" bezeichnet werden kann. Sie werden dafür sorgen, dass sich die Bürger noch weiter von der Politik entfremden. Neuwahlen, so mutmaßten die Auguren in Rom schon am Montagnachmittag, seien unvermeidbar. Der Protest perpetuiert sich, die Chancen der Italiener auf einigermaßen normale Verhältnisse minimieren sich. Nie hat ein solcher Ausblick in Italien mehr Sorgen gemacht.

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