"DER STANDARD"-Kommentar: "Keine Panik, keine Dynamik" von Alexandra Föderl-Schmid

Auf dem Weltwirtschaftsforum wurden die Unsicherheiten auf allen Ebenen deutlich (Ausgabe ET 28.01.2013)

Wien (ots) - Zum ersten Mal seit fünf Jahren herrschte beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos nicht die Erwartungshaltung, die nächste Katastrophe stehe unmittelbar bevor - wie im Vorjahr das mögliche Ende der Eurozone in der derzeitigen Form. Aber was kommt jetzt? Nimmt man das Treffen der wirtschaftlichen und politischen Führungskräfte als globalen Stimmungstest, dann ist die multiple Krise einer mehrdimensionalen Unsicherheit gewichen - auf der politischen, der wirtschaftlichen und der technologischen Ebene.

Auf der politischen Ebene wird über den weiteren Kurs des wiedergewählten US-Präsidenten Barack Obama gerätselt. Das betrifft nicht nur die innenpolitischen Fragen wie den Schuldenabbau, Steuererhöhungen und Waffengesetze, sondern auch sein außenpolitisches Vorgehen: Wie wird er im Atomstreit mit dem Iran vorgehen, wird er im Nahost-Friedensprozess stärker eingreifen? Wie geht es mit Syrien weiter?

Die in Davos stark vertretenen Politiker aus dem arabischen Raum riefen zwar zum Ende des Blutvergießens auf, gestanden aber gleichzeitig ein, dass sie nicht wüssten, wie der Konflikt beendet werden könne. Gleiches gilt für die Erfüllung der Hoffnungen ihrer Bevölkerungen auf Veränderungen nach dem Arabischen Frühling. Sie baten vor allem um Geduld.

Unklar ist auch noch, ob sich der Konflikt in Mali, wo die Franzosen in den Kampf gegen die Islamisten eingegriffen haben, auswächst. Und ob weitere EU-Länder an der doch länger dauernden Militäraktion teilnehmen.

Für Unruhe nicht nur in Europa sorgte der britische Premier David Cameron mit seiner Ankündigung, eine Abstimmung über den Verbleib seines Landes in der EU bis 2017 abhalten zu wollen. Nach dem Grexit, dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone, nun der Brexit, der Abgang der Briten aus der EU? Cameron zwingt damit den Briten und der Union eine jahrelange Debatte auf.

Auf der wirtschaftlichen Ebene bleibt in Europa nach den Notfallaktionen die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit die größte Herausforderung. Dass das sehr häufig in Davos so geäußert wurde, zeigt ein gewisses Problembewusstsein. Konkrete Lösungskonzepte wurden jedoch nicht vorgestellt.

Dies gilt auch für die wachsenden Differenzen, die sich einerseits zwischen Arm und Reich, wie im WEF-Risikobericht aufgezeigt, auftun; andererseits zwischen entwickelten Ländern und Schwellenländern, die auf starkes Wachstum verweisen können.

Forumsgründer Klaus Schwab hat auch eine Debatte über die Bezahlung von Managern anzustoßen versucht: Seine Ansage, kein Chef solle mehr als 20-mal so viel wie sein am schlechtesten bezahlter Angestellter verdienen, wurde aber nicht aufgegriffen. Wie auch auffällig war, dass sich die heuer wieder in Davos vertretenen Spitzenmanager der Großbanken sehr selbstbewusst zeigten. Forderungen nach strengerer Regulierung lehnten sie strikt ab.

Unsicherheit herrscht aber auch bei den Vertretern aus dem technologischen Bereich in der Frage, wie die digitale Zukunft aussieht. Ein innovatives Thema hat sich in all den Debatten nicht herauskristallisiert. Zum ersten Mal seit Jahren wurde kein neues Produkt vorgestellt, zu dem alle hinpilgerten.

Damit bleibt als Fazit und Ausblick: Die Panik ist vorbei, es herrscht große Unsicherheit. Von "widerstandsfähiger Dynamik", was als diesjähriges Motto ausgegeben wurde, keine Spur.

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