"DER STANDARD"-Kommentar: "Camerons Spiel mit dem Feuer" von Christoph Prantner

Ein letztes Aufflackern des Empire verstellt den Briten den Blick auf ihr Interesse - Ausgabe vom 24.1.2013

Wien (ots) - Es ist eine seltsame Rede, die der britische Premierminister da gehalten hat. David Cameron war darin EU-freundlich und EU-feindlich zugleich, er war unspezifisch in den konkreten Forderungen des Vereinigten Königreichs an die Europäische Union und gleichzeitig sehr präzise, wenn es um die souveräne Entscheidung der Briten über ihren möglichen Austritt geht. Ziemlich genau 40 Jahre nach dem Beitritt der Insel zur Europäischen Gemeinschaft ist Camerons politische Grußadresse, so viel steht bei aller Verworrenheit fest, der bei weitem schwerwiegendste Ausdruck des britischen Unbehagens gegenüber dem Kontinent. Darin bilden sich viele, manchmal nur schwer nachvollziehbare Momente politischen Kalküls ab. Mr. "Vabanque" Cameron setzt zum einen für sein innenpolitisches Überleben alles aufs Spiel. Sein Versprechen soll den erodierenden Tories die Labour-Partei und die EU-feindlichen Kräfte vom Hals halten und ihm persönlich die Karriere in "10 Downing Street" retten - auch wenn der Preis dafür die EU-Mitgliedschaft sein sollte. Daneben flackert ein letztes Mal das für alle - außer so manchem Briten - augenscheinlich verwitterte Selbstverständnis eines ehemaligen Empire auf, das sich in "splendid isolation" sicher wähnte. Bemerkenswert exzentrisch versucht London, nunmehr höchstens eine Großmacht in Autosuggestion, das Modell nun auch in einer globalisierten Welt umzusetzen. Und nicht zuletzt geht es in der Debatte um eine Kosten-Nutzen-Abwägung, wer den jeweils anderen denn nun mehr brauche: das Vereinigte Königreich Europa oder umgekehrt. Die letzte Frage lässt sich relativ eindeutig beantworten: Europa wäre ohne Großbritannien unvollständig, Großbritannien ohne Europa ohne jede Chance auf eine prosperierende Zukunft. Wenn Cameron nun Flexibilität, Wettbewerb und Offenheit von Europa fordert, weiß er selbst nur zu gut, dass der Binnenmarkt, das Allerheiligste der Union, nicht nur ökonomische Integration nach sich zieht, sondern zwingend auch eine politische und soziale. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben - auch für die Briten nicht. Dennoch haben sie sich in der europäischen Finanzkrise bewusst verabschiedet. Das war ein erstes Aufkündigen des Konsenses für die "immer enger werdende Union". Camerons Rede ist nun folgerichtig der zweite Schritt. Trotzdem wird London eine durch die Krise noch beschleunigte Integration in Europa nicht aufhalten können. Brüssel lässt keine ultrasouveränen Empires zu, für die Briten heißt es definitiv: Love it or leave it. Ob Letzteres, ein Austritt, den Tony Blair im _Standard als "verrückt" bezeichnet, tatsächlich ihren Interessen entspricht, müssen sie natürlich selbst entscheiden. Hilfe könnte das deutsch-französische Verhältnis geben, das dieser Tage mit Partys für die vor 50 Jahre geschlossenen Élysée-Verträge gefeiert wird. Charles de Gaulles Maxime, dass "Staaten keine Freunde kennen, sondern nur Interessen", findet darin ihre vertragliche Entsprechung. Er und Konrad Adenauer wussten 1963, dass eine Zukunft für beide Länder nur eine gemeinsame sein konnte. Auf dieser Achse rollt Europa heute noch ganz proper dahin. Wenn die Briten auch 40 Jahre nach ihrem Beitritt noch nicht vollständig begriffen haben, dass ein gemeinsames Europa auch ihr ureigenstes Interesse ist, dann sollten sie tatsächlich gehen. Farewell, Britannia!

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