DER STANDARD-Kommentar: "Ich bin Darabos, holt mich hier raus" von Michael Völker

"Erlebnisorientierte Selbsterniedrigung im Ekel-Camp der Regierung"; Ausgabe vom 23.01.2013

Wien (ots) - Norbert Darabos ist so etwas wie der Tanzbär der Koalitionsregierung. Tagaus, tagein wird er - symbolisch freilich - am Nasenring vorgeführt. Was auch immer er nicht tun mag, er wird es schon tun, versichern auch die eigenen Parteikollegen mit dem Gestus des Generösen. Der Darabos, der macht das schon. Jetzt darf er eben die Reform der Wehrpflicht umsetzen, die er selbst für einen ausgesprochenen Unsinn hält - oder halten musste. Hat Darabos eine eigene Meinung? So genau weiß man das nicht, und offenbar ist das auch egal in diesem Job. Er soll tanzen. Für den Bundeskanzler, den Wiener Bürgermeister, den Vizekanzler, die Finanzministerin. Alle gefallen sich darin, dem Verteidigungsminister immer neue Aufgaben zu stellen, um dann belustigt zuzuschauen, wie dieser an den Vorgaben scheitert. Scheitern muss. Darabos selbst gibt sich diesen Erniedrigungen duldsam hin und lobt noch jene, die ihn in diese Position gebracht haben und ihm wieder neue Kunststücke abverlangen. Jetzt also die Reform der Wehrpflicht, eine sinnvolle Neuordnung der Ausbildung der Rekruten, die Abschaffung der Leerläufe. Im Grunde genommen eine unmögliche Aufgabe. Noch dazu, wenn die ÖVP in Person von Finanzministerin Maria Fekter das Geld dafür in der Hand hat und dessen Herausgabe an Bedingungen knüpft. Da kann man sich leicht ausrechnen, dass das nicht funktionieren kann. Wie man sich überhaupt recht leicht ausmalen kann, dass die gesamte Reform im Sand verlaufen wird: Wenn Darabos in den sechs Jahren als Minister nicht ansatzweise eine Verbesserung der Ausbildung herbeiführen konnte, dann wird ihm in den verbleibenden acht Monaten - mitten im Wahlkampf - erst recht keine grundlegende Neuaufstellung des Grundwehrdienstes gelingen. Kann ihm gar nicht gelingen. Dafür sorgt auch die ÖVP. Die Ansätze der ÖVP zu einer Reform sind bestenfalls originell. Michael Spindelegger will, dass jeder junge Mann beim Heer mit einer Waffe umzugehen lernt. Gleichzeitig will er eine "erlebnisorientierte Ausbildung" garantieren. Das Totschießen von Menschen - auch darum geht es bei der Ausbildung zu einem Soldaten, so ehrlich muss man sein - als Entertainment zu präsentieren, ist geschmacklos. Das Bundesheer ist kein Pfadfinderlager mit lustigen Spielen und sportlicher Ertüchtigung. Da kann und soll man nichts beschönigen: Es ist und bleibt ein militärischer Apparat mit dem Ziel der Landesverteidigung - im besten Fall. Wer das Heer als solches nicht ernst nimmt, soll es lieber abschaffen. Das Reformkonzept, das die ÖVP am Dienstag vorgelegt hat, ist insgesamt recht dünn und sehr plakativ ausgefallen. Der erlebnisorientierte Umgang mit der Waffe soll auch durch einen "Talentecheck" vorbereitet werden: Wer zum Umbringen kein Talent hat, kann seine Möglichkeiten vielleicht in anderen "fachlichen Disziplinen" zur Geltung bringen. Die Diskussion über die Reform des Bundesheeres bekommt durch die Behübschungsversuche der ÖVP einen wirklich degoutanten Unterton. Auch aus diesem Grund kann man mit Norbert Darabos Mitleid haben. Allerdings liegt es in seinem Ermessen, wie weit er gehen mag und wie intensiv er die erlebnisorientierte Selbsterniedrigung auskosten mag. Man würde es ihm nicht verdenken, wenn er aus diesem Camp aussteigen will: "Ich bin Darabos, holt mich hier raus!"

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