Der Standard

DER STANDARD-Kommentar "Documenta der Kuratorenkunst" von Andrea Schurian

"Kunst als Art Entertainment war einmal - Jetzt gilt: Theorie statt Artefakt" - Ausgabe 9./10.6.2012)

wien (ots) - Sicher, das pseudowissenschaftliche und reichlich esoterische Geschwurbel der Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev über Wahlrecht für Hunde, Emanzipation von Erdbeeren und Kunstverständnis von Meteoriten ist bestens dazu angetan, zeitgenössische Kunst mit einem abschätzigen Lächeln und dem Prädikat "naturtrüb" abzutun. Der Experimentalphysiker Anton Zeilinger meinte dazu jüngst in einem Standard-Interview, es sei Christov-Bakargievs "künstlerische Meinung", die er als Wissenschafter lieber nicht kommentieren wolle. Das war nicht nur galant, sondern auch eine äußerst zutreffende Kürzestbeschreibung der seit längerem grassierenden Kunstverfasstheit namens "Kuratorenkunst": Längst missverstehen sich Kuratoren als die neuen Künstler, über deren Konzepte ausgiebiger diskutiert werden muss als über die Kunstwerke. Lässt man aber ihre herbe Mischkulanz aus Philosophie, Quantenphysik, Spiritualität, Anthropozentrismuskritik, Naturwissenschaft und sehr viel verworrenem Blabla außer Acht, scheint Christov-Bakargiev ihre Documenta 13 tatsächlich sehr trendaffin konzipiert und Kunst zur Bebilderung ihres kuratorischen Weltbildes zweckentfremdet zu haben. Nach dem Motto "Kompliziert kann ich selber denken" sehen sich Kuratoren nicht mehr als Kunstvermittler. Wer in diese Debatte die Frage nach optischer, gar sinnlicher Qualität von Kunst einbringt, begibt sich schnurstracks in die argumentative Totschlagzone, weil: retro. Um nicht zu sagen: reaktionär. Auch grasende Kühe auf einer Wiener Parkwiese gelten in diesem Sinn als bahnbrechende künstlerische Intervention. Bisschen Spaß, bisschen Provokation. Historischer Kontext. Und geht schon. Kunst war einmal. Das Kunstgebot der Stunde heißt: Theorie statt Artefakt. "Diskursiv" nimmt folglich die Pole-_position im allgemeinen Kunstvokabular ein. Kuratoren betrachten es nicht mehr als vordringlichste Aufgabe, komplexer Kunst zum breitenwirksameren Verstehen zu verhelfen. Das Publikum soll schauen, wo es bleibt. Auch dafür legt Christov-Bakargiev Zeugnis ab: Verwirrung, sagte sie, halte sie für eine sehr gesunde Position, die Zahl der Besucher hingegen sei ihr nicht so wichtig. Das klingt elitär, ist es auch. Aber es markiert - auch - eine fast logische Gegenreaktion auf die 1980er- und 1990er-Jahre, als "Fun Galleries" den Kunstmarkt mit täglich farbfrischer Flachware belieferten, die Museen zu Kunst-Happylands mutierten und "Besucherrekord" das Lotto-Toto der Ausstellungsmacher war. Kunst als Art Entertainment, Künstler als Unterhalter der Reichen, geschmäcklerisch. Beliebig. Und beliebig austauschbar. Kunst ist, was gefällt. Nur keine theoretischen Überbauten. Die Wochenzeitung Die Zeit ätzte damals: "Die Ware Kunst gibt es in ausreichendem Maße und der Kunstverstand darf bei dem Geschäft nicht überstrapaziert werden." Nicht erst Christov-Bakargiev trat auf die Spaßbremse. Sie allerdings besonders fest. Nun sind die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst zunehmend fließender geworden. Doch statt in der Wissenschaft wildernder und dilettierender Künstler bringen sich Wissenschafter selbst in Ausstellungen ein. Künstler wiederum, die sich - damals wie heute - außerhalb der mitunter recht schrillen Diskurse bewegen, bleiben oft ungesehen. Doch wissend zu schauen: Das wäre der Stellenwert, den Kunst verdiente. Das wäre Erregung. Geistvoll. Zeitgeistlos.

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