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Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum Brexit-Referendum

Regensburg (ots) - von Stefan Stark

Warnschuss von der Insel

Bei den Briten ticken die inneren Uhren anders: "Die Engländer sind bemerkenswerterweise bereit, Ausländer für cleverer zu halten als sich selber, sehen es aber als einen Affront gegen Gott und die Natur an, von Ausländern beherrscht zu werden." So beschrieb der englische Schriftsteller George Orwell 1944 die Gemütslage seiner Landsleute mit Blick auf Europa. Diese grundsätzliche Skepsis hält sich bis heute hartnäckig in den Köpfen vieler Briten - und dürfte auch beim Brexit-Referendum am Donnerstag durch die Wahllokale spuken. Diese Haltung einfach als very british abzutun, wäre jedoch zu einfach. Denn die tief verwurzelten nationalen Befindlichkeiten der Insulaner, die bei der Schicksalsabstimmung natürlich eine Rolle spielen werden, gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen auch in anderen EU-Staaten. Dass die Europagegner in Großbritannien Morgenluft wittern, liegt vor allem an einer beispiellosen Kampagne der obersten EU-Hasser um einen Boris Johnson oder einen Nigel Farage. Unter ihren Tiraden musste Europa für so ziemlich alles herhalten, was von der Regierungszentrale bis in den hintersten Winkel des Königreichs schiefläuft. Die Wahrheitsverdreher haben London zum Marktplatz für Verschwörungstheoretiker gemacht. Großbritannien zuerst, lautet ihr Schlachtruf. Ihr beliebtester Prügelknabe sind die Ausländer - auch die aus östlichen EU-Ländern. Dabei ignorieren die Europagegner, dass man letztere selbst als billige und willige Arbeitskräfte ins Land holte. Egal ob die Briten am Ende Bye Bye sagen oder Stay, das Brexit-Referendum bedeutet in beiden Fällen eine tiefe Zäsur für die Europäische Union. Das erste Szenario - ein Austritt der Briten aus der EU - wäre verheerend. Ein Brexit brächte nur Verlierer hervor. Er würde die Union in ihrem Innersten erschüttern und sie in die schlimmste Krise ihrer Geschichte stürzen. Vor allem die Briten selbst bekämen die Folgen zu spüren. Es wäre jäh vorbei mit der Londoner City als Finanzzentrale Europas. Der Brexit brächte den britischen Bankensektor in Schieflage. Zudem könnten viele Unternehmen ihre Firmensitze verlagern. Damit gingen Jobs und Steuereinnahmen verloren. Das Vereinigte Königreich stünde vor einer schweren Rezession. Darüber hinaus würde der Brexit die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen befeuern. Großbritannien könnte sich am Ende als Klein-England wiederfinden. Die Schockwellen würden sich nicht auf die Insel beschränken. Auch auf dem Kontinent käme es zum Börsencrash. Besonders hart würde der Brexit viele deutsche Unternehmen treffen. Denn die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Großbritanniens in der EU. Nicht minder schwer wöge der Verlust eines wichtigen politischen Partners, der das globale Gewicht der Union enorm erhöht. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass der Brexit einen Domino-Effekt in anderen Ländern in Gang setzt, der die EU letztlich in ihrer Existenz bedroht. Man stelle sich nur vor, Front-National-Chefin Marine Le Pen gewinnt die Präsidentenwahlen in Frankreich und lässt dann erfolgreich über einen Frexit abstimmen. Dann bliebe in Europa kein Stein mehr auf dem anderen. Doch auch, wenn am Donnerstag das für alle Beteiligten günstigere Szenario eintritt und die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen, können die Chefs in den Regierungszentralen von Brüssel, Berlin, Paris bis nach Rom nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. EU-Skeptiker und Europahasser erfreuen sich auch in Frankreich, Italien oder Deutschland eines ungebremsten Zulaufs. Dazu tragen Regierungen bei, die Europa nur als abstraktes Konstrukt beschreiben und damit den fatalen Eindruck erwecken, dass sie in einer von ihren Bürgern hermetisch abgetrennten Sphäre leben. Merkel, Hollande, Juncker & Co. müssen den Menschen erklären, wo die handfesten wirtschaftlichen und politischen Vorteile der EU-Mitgliedschaft liegen. Dafür böte ein kritischer Blick über die Grenzen der Union hinaus reichlich plastisches Anschauungsmaterial. Gleichzeitig wäre eine klare Ansage hilfreich, wie sie Bundespräsident Joachim Gauck fordert: Niemand in Brüssel und auch nicht in Berlin plant eine Vorschrift, dass die Polen keine Polen oder die Briten keine Briten mehr sein dürfen.

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