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Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Julius Müller-Meiningen zum Karlspreis

Regensburg (ots) - Eine Therapiefahrt

Die Flüchtlinge, der Euro, der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU: Europa steckt in der Krise. Die Verleihung des Aachener Karlspreises an Papst Franziskus hatte insofern etwas von einer kollektiven Therapie- und Pilgerfahrt. Neben aufmunternden Worten las das Oberhaupt der Katholiken der Führungsriege der EU erwartungsgemäß auch die Leviten. Kann der Aufruf des Papstes zu einem "neuen europäischen Humanismus" wirklich Kräfte in einem ausgezehrt wirkenden und auseinanderdriftenden Europa freisetzen? Jedenfalls bedurfte es offenbar eines 79 Jahre alten Argentiniers, freilich mit italienischen Wurzeln, um dem Kontinent die eigene Orientierungslosigkeit vor Augen zu führen. Die Wahl des Papstes als Preisträger spricht Bände: Die Suche nach einer Persönlichkeit, die die europäische Idee glaubwürdig am Leben erhält, ist schwer geworden. Dabei wird Papst Franziskus wie auch in seiner eigenen Kirche als Symbol und Projektionsfläche überfrachtet. Dem Mann, der Europa von der Peripherie her betrachtet und Flüchtlinge auf Lampedusa oder Lesbos besucht hat, liegt vor allem an einer menschenfreundlichen Integration der Migranten und an einer sozialeren Wirtschaftsordnung. Die EU-Politiker, allen voran die teilweise zerstrittenen Regierungen, werden den Weg aus der Krise alleine finden müssen. Ganz ohne den zur Heilsfigur stilisierten Franziskus.

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