Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Die Gebote der Stunde
Flüchtlingen mit Bleibeperspektive sollte möglichst schnell die Tür zur Wirtschaft geöffnet werden. Leitartikel von Christine Hochreiter

Regensburg (ots) - Arbeit ist die beste Integration, sagt der Leiter eines Passauer Modellprojekts, das Flüchtlingen die Tür zur Wirtschaft öffnen möchte. Schließlich lernen diese in den Betrieben nicht nur den (Berufs)Alltag in Deutschland kennen, sondern auch neue Mit-Bürger und vielleicht auch deren Familien. In Bayern sind die Voraussetzungen bestens. Mit einer Quote von 3,4 Prozent weist der Freistaat in Deutschland die niedrigste Erwerbslosigkeit auf. So viel zur Befürchtung, dass "Fremde" Tausenden von einheimischen Arbeitslosen die Jobs wegnehmen könnten. Gleichzeitig suchen viele Unternehmen händeringend Auszubildende und Fachkräfte. Dies gilt auch und gerade für zahlreiche Branchen des Handwerks. Die theoretisch bekundete Bereitschaft der Wirtschaft, es durchaus auch mal mit einem motivierten und engagierten Flüchtling zu versuchen, ist groß. Doch der Weg bis zu einer echten Integration in die Unternehmen ist mit vielen bürokratischen Hemmnissen und Unwägbarkeiten gepflastert. Soeben ist die Bundesregierung einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gegangen. Junge Asylsuchende und Geduldete mit einer realistischen Bleibeperspektive sollen künftig schneller an Praktika kommen. Bisher musste die Bundesagentur für Arbeit zustimmen. Diese Pflicht entfällt nun. Firmenchefs werden allerdings nur dann bereit sein, Flüchtlinge in ihre Unternehmen aufzunehmen, wenn sie Planungssicherheit haben. Und hier gibt es ein großes Problem: Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist Deutschland EU-weit Schlusslicht bei der Bearbeitung von Asylanträgen. In der Folge erschwert das lange Asylverfahren die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt erheblich. Zwar hat die Bundesregierung das Arbeitsverbot für Asylbewerber unter bestimmten Bedingungen auf drei Monate verkürzt, doch während der Wartezeit bleibt Flüchtlingen - von denen zwei Drittel im erwerbsfähigen Alter sind - der Weg in den Job versperrt. Eine Beschleunigung der Asylverfahren ist aber nicht das einzige Gebot der Stunde. Mit Blick auf das große Ziel einer möglichst schnellen Integration von Neuankömmlingen sollte dringend geprüft werden, ob das komplexe Regelwerk sinnvoll vereinfacht werden kann. Und ohne eine gezielte finanzielle Förderung kann die Integration in den Arbeitsmarkt überdies nicht gelingen. Die meisten haben ihre Heimat ohne Zeugnisse verlassen oder diese auf der Flucht verloren. Um beruflich in die Spur zu kommen, müssen sie hierzulande mindestens den Mittelschul-Abschluss nachholen. Nach Angaben des Passauer Projektleiters kostet ein Vorbereitungskurs bei der Volkshochschule für höchstens 15 Teilnehmer 38 000 Euro. Die Agentur für Arbeit übernimmt nur die Hälfte. Mehr Geld muss unbedingt auch in einen intensiven Deutsch-Unterricht investiert werden. Bislang werden viel zu wenig Kurse angeboten. Im vergangenen Jahr etwa gab es in der gesamten Region Passau lediglich zwei Kurse mit je 25 Teilnehmern für Asylbewerber und Geduldete. Fakt ist: Fähigkeiten und Talente vieler Asylbewerber liegen oft monate-, wenn nicht jahrelang brach. Wir sollten anerkennen, dass wir uns inmitten einer neuen Welle der Völkerwanderung befinden und darin auch eine Chance sehen - etwa, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und Fachkräfte heranzuziehen. Und Arbeitgeber sollten dafür sorgen, dass fremdenfeindliche Worte und Taten in den Betrieben sanktioniert werden. Mitarbeiter sollten wissen: Wer diskriminiert, fliegt. Je mehr Flüchtlinge in der Wirtschaft ankommen, desto besser. Und umso normaler.

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