Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christian Kucznierz zur Griechenland-Krise

Regensburg (ots) - Das "Feigling"-Spiel ist Filmkennern spätestens seit dem James-Dean-Klassiker " ... denn sie wissen nicht, was sie tun" ein Begriff. Dabei fahren zwei Fahrzeuge mit voller Geschwindigkeit aufeinander zu, wissend, dass ein Frontal-Unfall für beide Seiten tödlich wäre. Es geht darum, wer als Erster ausweicht. Dieses Szenario ist eines der bekanntesten in der sogenannten Spieltheorie, einem Zweig der Mathematik, beziehungsweise der Wirtschaftswissenschaften. Ihr Ziel ist, Verhalten in gewissen Ausnahmesituationen zu untersuchen und daraus Strategien zuentwickeln. Einer, der sich mit der Spieltheorie befasst hat, heißt Gianis Varoufakis und ist griechischer Finanzminister. Niemand weiß, welche Strategie hinter dem Verhalten Griechenlands in der Eurokrise steckt oder ob es überhaupt noch eine Strategie gibt. Doch das Feigling-Spiel läuft seit Monaten. Nur gibt es weder Gewinner noch Verlierer. Griechenland hat die Euro-Partner mehrfach brüskiert. Es hat Angebote abgelehnt und Fristen verstreichen lasen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass EZB, IWF und EU-Kommission angesichts der fortlaufenden Probleme des griechischen Staats und mit diversen griechischen Regierungen versagt haben. Die Gläubiger haben sich als Gläubige einer Religion des Sparzwangs erwiesen, die anderswo, etwa in Irland oder in Portugal, heilsam war. Aber wie es so ist mit Gläubigen, manchmal sind sie blind für andere Wahrheiten. Eine davon lautet, dass Griechenland eben nicht Irland oder Portugal ist. Das hätte man sehen können. Aber ebenso wenig wie man sehen wollte, dass Griechenland beim Eintritt in den Euro für diesen Schritt nicht vorbereitet war, war man nicht bereit zu erkennen, wann man hätte bremsen und ausweichen sollen. Wer heute behauptet, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone das Problem löst, ist beinahe so populistisch wie Tsipras und seine Regierung. Erstens hat Varoufakis richtiger Weise darauf hingewiesen, dass sein Land sich nicht rauswerfen lasse, weil das rechtlich nicht möglich wäre und dieser Schritt einer angekündigten Klage nicht standhalten wird. Zweitens wird niemand in Europa ein Land, das auch durch das Agieren der Euroländer aus der Notlage ins Chaos abgeglitten ist, im Stich lassen, wenn Banken geschlossen bleiben, Krankenhäuser sich keine Medikamente und Supermärkte sich keine Lebensmittel mehr leisten können. Aber genau das geschieht, wenn die Geldgeber Griechenland den Hahn endgültig abdrehen - was sie längst hätten machen können, übrigens. Die Tatsache, dass sie diesen Schritt unterlassen haben, zeigt nur, wie unmöglich er aus vielen Gründen ist. Die Angst vor einer humanitären Krise in der EU ist einer davon. Ein anderer ist die berechtigte Furcht vor dem Bild, das die Gemeinschaft in die Welt senden würde. Zuerst drastische Spar- und Reformauflagen machen, um am Ende doch ein Mitgliedsland fallen zu lassen, würde die historische Leistung der EU, einstige Todfeinde in Frieden und zum gegenseitigen Nutzen zusammenzuführen, ad absurdum führen. Das würde Populisten und EU-Gegnern innerhalb und außerhalb Europas in die Hände spielen. Der Frontalunfall, das ultimative Ende des Feigling-Spiels, hat sich schon längst ereignet. Es ist eher so, dass beide Seiten, die EU und Griechenland, sich inmitten der rauchenden Trümmer befinden und feststellen, dass sie sich nicht mehr aus ihnen befreien können. Um das doch noch zu schaffen, sind mehrere Dinge nötig: eine neue Regierung in Griechenland, die nicht an Wahlversprechen gebunden ist, die unerfüllbar geworden sind. Es braucht einen neuen Schuldenschnitt, weil Fantastilliarden von Euro niemand mehr zurückzahlen kann. Am Ende muss eine Reform der Gemeinschaft insgesamt stehen. Die EU braucht entweder zusätzlich zur Gemeinschaftswährung zumindest eine gemeinsame Finanzregierung. Oder sie setzt die Renationalisierung, die wir ohnehin schon erleben, fort. Fest steht in jedem Fall: Die alte EU ist mit der Griechenlandkrise Geschichte.

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