Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Reinhard Zweigler zur Frauenquote

Regensburg (ots) - Entweder hat der alte Fuchs Volker Kauder genial über die Bande gespielt oder er hat sich einfach verkalkuliert. Der ansonsten auf Diplomatie und innerkoalitionären Ausgleich bedachte CDU-Mann ging Familienministerin Manuela Schwesig, die seit Monaten um "ihre" Frauenquote kämpft, ungewöhnlich heftig an. Sie solle nicht so "weinerlich" sein und gefälligst ein Gesetz vorlegen, dass dem Koalitionsvertrag entspreche. Damit hatte Kauder die ohnehin hitzige Debatte um die Frauenquote bei der Besetzung von Aufsichtsratsposten großer Unternehmen noch einmal kräftig aufgeheizt. Der Koalitionssegen, um den es derzeit ohnehin nicht besonders gut bestellt ist, hing schief. Sollte Kauder Schwesigs Gesetz wirklich verhindern wollen, dann wählte er einfach das völlig falsche Wort. Er stellte die Jung-Ministerin ziemlich Macho-mäßig in die Ecke. Doch das bewirkte im politisch korrekten Berliner Politikbetrieb genau das Gegenteil. Schwesig wurde der Rücken gestärkt. Vom SPD-Chef Sigmar Gabriel sowieso, aber auch von der Kanzlerin, die schon lange kein Hehl daraus macht, dass sie eine Frauenquote für gut und notwendig hält. Das alles hätte Kauder wissen müssen. Oder wollte er einfach nur dem eigenen Wirtschaftsflügel zu verstehen geben, ich mag die Quote auch nicht, verhindere aber wenigstens das Schlimmste? Vom Wirtschaftsflügel der Union, sowie diversen - übrigens ausschließlich von Männern angeführten - Wirtschaftsverbänden gab es heftiges Sperrfeuer gegen die Quote. Es gebe überhaupt nicht genug qualifizierte Frauen, die die übrigens zumeist gut dotierten Aufsichtsposten besetzen könnten, lautete zuletzt ein Totschlagargument. Von Eingriffen in die unternehmerische Freiheit, von höheren Kosten und anderen Ausflüchten mehr war die Rede. Genauerer Prüfung halten die Argumente gegen die Quote nicht stand. Im Gegenteil besagen viele Erfahrungen aus Unternehmen, die von Frauen und Männern geführt und beaufsichtigt werden, dass dort strategischer vorgegangen wird, dass sie in der Regel erfolgreicher sind. Aber natürlich bedeutet die 30-prozentige Frauenquote im Aufsichtsrat keine Erfolgsgarantie. Egal ob Mann oder Frau, es müssen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Zu einem großen Teil muss sich die Wirtschaft die jetzige gesetzliche Quote allerdings auch selbst zuschreiben. Über zehn Jahre lang hoffte die Politik auf die Selbstverpflichtung der Wirtschaft. Aber mehr Frauen gelangten dadurch nicht in die Chefetagen. Die männlich dominierte "gläserne Decke" war und ist kaum durchlässig. Dadurch geht auch viel kreatives Potenzial verloren. So oder so gab es in der Koalition zuletzt großen Lärm um eine im Grunde kleine Frauenquote. Die nun auf den Weg gebrachte Regelung kann bestenfalls ein Signal für mehr Chancengerechtigkeit für Frauen, auch auf Führungsetagen sein. Schlimmstenfalls verpufft sie ohne größere Wirkung. Oder ein paar wenige Spitzenfrauen werden auf gleich Dutzende Aufsichtsratsposten gesetzt, wie man das bisher nur von Männern kennt. Den, freilich fragilen, Koalitionsfrieden in Berlin hat die hitzige Debatte um die Frauenquote allerdings nicht wirklich gefährden können. Man fand sich im Grunde rasch wieder zusammen. Das gilt auch für den von CSU-Chef Horst Seehofer vom Zaun gebrochenen Streit um eine Art Nebenaußenpolitik in der Russland-Politik durch den SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Hier wurde Zwietracht gemutmaßt, wo grundlegend Eintracht herrscht, auch wenn es eine unterschiedliche Akzentsetzung gibt. Die Bundesregierung ausgerechnet in der Russland-Ukraine-Frage auseinanderzudividieren, ist nicht nur töricht, sondern sogar gefährlich.

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