Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: In der Trutzburg Bayreuth wird es ungemütlicher. Wagner ist kein Selbstläufer mehr. Leitartikel "Wotan, hilf!" von Claudia Bockholt

Regensburg (ots) - Es gärt und grummelt am Grünen Hügel. Das Rumoren kommt nicht aus dem Inneren der gewaltigen Biogasanlage im "Tannhäuser", deren Sinn sich auch im vierten Aufführungsjahr nicht erschließen will. Es ist schlimmer: Die Festspiele drohen den Nimbus der Exklusivität zu verlieren, der Heilige Gral der Wagnerianer verliert an Glanz. Wochen vor dem Start soll es noch Karten gegeben haben. Der Schwarzmarkt ist zusammengebrochen. Die Kanzlerin kam nicht zur Eröffnungspremiere, bei der auch noch die Bühnentechnik streikte. Beim "Ring" wollen Kritiker vereinzelt freie Plätze ausgemacht haben. Wotan, hilf! Das hat es noch nie gegeben. Zwar sinkt die Nachfrage nach Karten in Bayreuth seit Jahren, doch noch immer überstieg sie das Kartenkontingent locker um das Zehnfache. Jahr für Jahr wollten rund eine halbe Million Menschen einmal den unvergleichlichen Orchesterklang im Festspielhaus hören, die teuren Roben sehen, die lächerlich teure Hummerbratwurst kosten. Wartezeiten von zehn Jahren waren nicht unüblich. Nach der Rüge des Bundesrechnungshofs mussten jedoch mehr Karten in den freien Verkauf gehen. Dem Geklüngel und Geschachere, das auch die jüngst verstorbene Wagner-Urenkelin Iris heftig kritisiert hatte, wurde ein Riegel vorgeschoben. Für den Wagner-Clan wird es immer ungemütlicher in der oberfränkischen Trutzburg. Wie ein Drachen hütet er seit Jahrzehnten den Schatz des berühmten Ahnen. Doch Eva Wagner-Pasquier streicht Ende dieses Jahres die Segel. "Steuermann, lass' die Wacht" mag man der verbleibenden Kapitänin Katharina Wagner nicht zurufen. Zur Partysause ist kein Anlass: Der neue "Ring" wird aller Voraussicht nach nicht den erfolgreichen Weg des "Lohengrin" und des "Fliegenden Holländers" gehen. Diese beiden Opern wurden anfangs in Grund und Boden gebuht - in diesem Jahr aber vom versöhnten Publikum gefeiert. Der berüchtigte "Stücke-Zertrümmerer" Frank Castorf hingegen wird wohl nicht mehr zum Helden der hochsensiblen Wagnerianer werden. Aber sind gefloppte Regiestücke überhaupt der Grund für das sinkende Interesse? Katharina Wagner deutet es an. Sie wirft Frank Castorf vor, das Publikum zu verschrecken. Der wiederum fühlt sich von der künstlerischen Leitung wie ein "Idiot" behandelt. Doch das ist alles typische Bayreuth-Folklore, kaum mehr als der Prolog eines alljährlichen Opernspektakels, das vom öffentlichen Wallen und Wogen der Emotionen ebenso lebt wie von seinen herausragenden Künstlern. Kirill Petrenko, Christian Thielemann, Andris Nelsons am Dirigentenpult, das fabelhafte Festspielorchester und der ausgezeichnete - zuletzt mit dem International Opera Award 2014 - , über 130 Stimmen starke Chor, viele herausragende Stimmen: Grund genug, warum es in diesem Jahr Wagner-Freunde aus aller Welt nach Bayreuth zieht. Wer eine Karte ergattert, muss für diese Perlen nicht einmal ein Vermögen hinlegen. 240 Euro kostet ein guter Platz im Parkett. Zum Vergleich: Tickets der besten Kategorie für Udo Jürgens in der Donau-Arena kosten 100 Euro. Auch die Frage, ob man Wagner hören kann, ohne Antisemit zu sein, scheint allmählich geklärt. In Israel versucht eine Gruppe Musiker und Musikfreunde seit Jahren, Wagner im eigenen Land aufzuführen. 2011 spielte das israelische Kammerorchester in Bayreuth das "Siegfried"-Idyll. Man weiß: Die Lieblingsmusik des Zionisten Theodor Herzl war der "Tannhäuser". Die Diskussion versachlicht und entspannt sich. Man muss den Grünen Hügel nicht allein aus Political Correctness großräumig umfahren. 2015 wird Katharina Wagner "Tristan und Isolde" inszenieren. Der Künstler Jonathan Meese, stets für einen Skandal gut, wurde für den "Parsifal" 2016 engagiert. Und für die "Meistersinger" 2018 hat Katharina Wagner Barrie Kosky verpflichtet, dessen Komische Oper Berlin zum Opernhaus des Jahres 2012/2013 gewählt wurde. Für künftige Buh-Konzerte und Beifallsstürme scheint auf Jahre gesorgt. Und es wird sich zeigen, worauf der Nimbus Bayreuths gründete: auf Elitarismus oder künstlerischer Klasse.

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