Mittelbayerische Zeitung: Teure Lust auf Fleisch Der Pferdefleischskandal zeigt einmal mehr: Wir müssen unser Verhältnis zu Lebensmitteln verändern. Von Christian Kucznierz

Regensburg (ots) - Pferdefleisch anstatt Rindfleisch in Fertiggerichten? Ein Skandal! Gammelfleisch im Döner? Auch ein Skandal. Gift im Frühstücksei? Genau. Skandale, wohin man blickt. Freilich ist das, was die vielen schwarzen Schafe in der Lebensmittelindustrie den Kunden in den vergangenen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes aufgetischt haben, nicht akzeptabel und kriminell. Der eigentliche Skandal aber liegt ganz woanders: Wir haben den Bezug zu unseren Lebensmitteln verloren. Warum regen wir uns über Pferdefleisch im Essen auf, nicht aber darüber, dass im Supermarkt ein fertiges Fleischgericht für unter zwei Euro zu kaufen ist? Schließlich muss jedem klar sein, dass irgendwer irgendwo auch noch etwas an dem Gericht verdienen will. Und dass für die Fertiglasagne ein Tier gestorben ist, das für diesen Preis kein gesundes und glückliches Leben geführt hat. Wem das egal ist, der sollte sich überlegen, warum eine frische, selbst gekochte Lasagne, bei der der Koch sich auch bei der Auswahl der Zutaten Mühe gemacht hat, besser schmeckt. Daraus aber die Schlussfolgerung zu ziehen, dass alleine der Preis die Stellschraube ist, an welcher der Verbrauchter drehen kann, um nicht schlechtes oder falsch etikettiertes Essen serviert zu bekommen, ist nicht ganz richtig. Denn auch Hersteller teurer Produkte müssen nicht zwangsläufig bessere Qualität liefern; erstens, weil auch sie von Zulieferern Ware erhalten, und zweitens, weil keiner etwas zu verschenken hat. Im Zweifel ist beim teureren Produkt nur der Gewinn für den Hersteller größer; für den Verbraucher ändert sich dann nichts, außer, dass er zu viel bezahlt. Auch die Idee, der Kunde sei König und könne über sein Verhalten bestimmen, was in die Regale der Supermärkte kommt, ist nur bedingt richtig. Denn nicht jeder kauft bewusst ein; und nicht jeder, der bewusst einkauft, bekommt auch das, was er glaubt zu kaufen. Der Pferdefleischskandal ist hierfür schließlich Beleg. Es hilft nichts, auf die Verpackung zu schauen, wenn der Hersteller nicht draufschreibt, was drin ist. Das zu ändern wäre Aufgabe der Politik, die aber ein weiteres Mal versagt hat. Es ist wohlfeil, Aufklärung zu fordern, wie es Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) getan hat; Aufklärung erwartet ohnehin jeder, nicht nur sie. Die Frage ist: Warum hat keiner genau hingeschaut, als verdorbenes Fleisch zu Döner verarbeitet wurde? Warum hat keiner gemerkt, dass belastete Eier in den Handel gelangt sind? Wo waren die Behörden, die kontrollieren sollten, bevor es etwas aufzuklären gab? Das Problem ist zudem, dass einer mächtigen und global vernetzten Lebensmittelindustrie auf nationaler Ebene gar nicht mehr beizukommen ist. Trotzdem werden seitens der Einzelstaaten - auch von Deutschland - hartnäckig strengere Kennzeichnungspflichten abgelehnt, nur um sie im Krisenfall einzufordern. Weil die Politik in solchen Zeiten versagt, ist der Verbraucher gefragt: Er hätte es in der Hand, sich nicht nur zu empören, solange ein Skandal in den Medien Thema ist. Der Druck zur Aufklärung alleine reicht nicht, um Geschäftemacherei auf Kosten unserer Gesundheit langfristig zu verhindern. Die Trinkwasserrichtlinie der EU, die in diesen Tagen eine vorher nicht bekannte Mobilisierung der Menschen in Europa auslöste, zeigt, dass Bürgerprotest einen anderen Umgang mit und eine andere Betrachtungsweise von den Dingen erzwingen kann, die wir zum Leben benötigen. Wir sollten uns überlegen, dass die durchschnittlich 1097 Tiere, die ein Deutscher in seinem Leben isst, irgendwo herkommen müssen. Und dass die Lust auf immer verfügbares, billiges Fleisch uns teurer zu stehen kommt, als wir das gerne hätten. Der nächste Skandal ist nur eine Frage der Zeit.

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