Mittelbayerische Zeitung: Langer Kampf um Frieden Nach dem militärischen Erfolg müssen in Mali dringend die sozialen Probleme gelöst werden. Leitartikel von Christian Putsch

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Regensburg (ots) - Kaum mehr als drei Wochen sind seit dem Beginn der französischen Offensive gegen Islamisten in Mali vergangen, und die Erfolgsmeldungen kommen seitdem nahezu im Tagestakt. Nacheinander triumphierten die französischen und malischen Soldaten in den besetzten Orten Konna und Diabaly, dann in den großen Städten im Norden, Gao, Timbuktu und Kidal. Schon spricht Malis Übergangspräsident Dioncounda Traore von Wahlen im Juli. Die schnellen Erfolge dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kampf um ein stabiles Mali erst beginnt. Er wird Jahre dauern und kann weder militärisch, noch bei der Stärkung der staatlichen Institutionen allein den westafrikanischen Staaten und Frankreich überlassen werden. Das Beispiel Somalia lehrt, wie kompliziert und langwierig ein derartiges Unterfangen sein kann. Es abzukürzen würde bedeuten, gewonnenen Fortschritt aufs Spiel zu setzen. Langsam findet der Plan für die Entsendung einer UN-Friedenstruppe Befürworter im UN-Sicherheitsrat. Das wäre der richtige Schritt, weil er Afrika in diesem komplizierten Konflikt entlasten würde. Anders als beim Eingriff der französischen Armee in den Konflikt an der Elfenbeinküste im Jahr 2011 gibt es auf dem Kontinent diesmal kaum kritische Stimmen, die vor einem neuen Kolonialismus warnen. Die Bedrohung durch den Terrorismus ist global, ihr muss mit vereinten Kräften begegnet werden - diese Einsicht scheint sich durchzusetzen. Bald wird ein Team der Europäischen Union in Mali erwartet. Es soll die Armee Malis unter anderem im Umgang mit Menschenrechten schulen - im Gespräch ist, dass dies ebenfalls mit Soldaten aus anderen Ländern der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas geschehen soll. Nur wenige sind in der Kriegsführung in Wüstengebieten erprobt, in die sich viele der schwer bewaffneten Islamisten zurückgezogen haben. Für die Stabilität des Landes wird es langfristig aber darauf ankommen, eine Armee zu formen, mit der sich die Verteidigung nach außen gewährleisten lässt, die aber intern keine Gefahr für einen weiteren Staatsstreich darstellt. Es ist kein Zufall, dass viele Streitkräfte der Region in mäßigem Zustand sind. Allzu oft hat das Militär westafrikanischer Länder in vergangenen Jahrzehnten Regierungen gestürzt, reduzierte Mittel sollen dieses Risiko minimieren. In Mali revoltierten Teile der Armee dennoch - die verbliebenen regierungstreuen Truppen aber scheiterten an der schwierigen Verteidigung des Staatsterritoriums, das vier Mal so groß ist wie das Deutschlands. Es zeigt, wie fragil die Region trotz Rohstoffbooms, Schuldenerlässen und besserer Wirtschaftspolitik ist. Entscheidend aber ist die Bewältigung der sozialen Probleme des Landes. Die Sahel-Zone ist eine der am dünnsten besiedelten Gegenden der Welt, verzeichnet aber enorme Geburtenraten. Laut UN-Berechnungen könnte die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts von derzeit 16 Millionen auf 75 Millionen ansteigen. Gelingt es nicht, neben den aufstrebenden kapitalintensiven Industrien wie der Bergbau und Erdölförderung auch arbeitsintensive Industrien zu fördern, wird das Land instabil bleiben. Schon allein für die Aussöhnung mit den Tuareg wird es von Bedeutung sein, dass auch diese ethnische Gruppe von der Politik in der weit entfernten Hauptstadt Bamako profitiert. In Somalia kontrolliert die Terrororganisation al-Shabaab auch deshalb Teile des Landes, weil es für die Jugend kaum Arbeitsplätze gibt. Hier muss die internationale Gemeinschaft Mali nachhaltig zur Seite stehen. Der Kampf gegen den weltweiten Terrorismus ist nicht allein militärischer Natur. Es ist auch ein ökonomischer.

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