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Aachener Zeitung: Kommentar von Bernd Mathieu Wie erwartet! Was bewirken nun die Botschaften des Papstes?

Aachen (ots) - Dieses Europa ist ziemlich heruntergekommen. Es ist weiter denn je entfernt von seinen Idealen, seinen Ansprüchen und leider auch von großen Teilen seiner Bevölkerung. Die europäische Krise hat Europa ins Wanken gebracht, und Besserung ist angesichts der Erfolge rechtspopulistischer Parteien nicht in Sicht, weil die sogenannten Volksparteien keine Rezepte für wirksame Lösungen haben. Nun erhofften sich einige Politiker bei der Karlspreisverleihung in Rom von Papst Franziskus den Weg aus dem Dilemma. Das Direktorium hatte wegen der Krise ja ausdrücklich diesmal keinen Politiker ausgezeichnet, sondern auf den Papst gesetzt. Die Erwartungshaltung war groß. Der Papst hat - wie erwartet - Klartext geredet. Der Papst hat - wie erwartet - die Themen Migration, Flüchtlinge, Wohlstandsdenken, Konsum, wirtschaftliche Ausbeutung genannt. Der Papst hat - wie erwartet - Defizite aufgezeigt. Und er hat - wie erwartet - sehr deutlich den europäischen Skandal der Jugendarbeitslosigkeit beim Namen genannt und massiv verurteilt. Franziskus hat damit - wie erwartet - an seine im Ton noch deutlichere Rede vor anderthalb Jahren im EU-Parlament in Straßburg angeknüpft. Aber seitdem ist - wie erwartet - keine Frage auch nur annähernd gelöst worden, sondern - wie erwartet - alles noch viel schlimmer geworden. Die Mehrheit der Nationalstaaten sieht plötzlich die Lösung großer Probleme nicht mehr in einem Mehr an Gemeinsamkeit, sondern in nationalen Alleingängen in Kombination mit verbaler Lautstärke. Das war so drastisch und so egoistisch und so kurzsichtig und so naiv nicht zu erwarten. Leider war es zu erwarten, dass es keine dynamische, konzertierte und von allen Mitgliedsstaaten koordinierte Offensive gegen Jugendarbeitslosigkeit geben würde. Viel zu viele EU-Länder lassen ihre jungen Menschen einfach im Stich und wundern sich über den Frust, den immer mehr junge Europäer haben. Auf ein Europa, das ihnen keine Perspektive aufzeigt, pfeifen sie. Diese Entsolidarisierung ist gefährlich, und jede nationale Regierung wäre gut beraten, sich um diese Thema intensiver zu kümmern als um das idiotische Errichten von Zäunen und neuen Mauern. Der Papst hat bei beiden Themen Klartext geredet. Wie erwartet. Er hat die EU aufgerufen, endlich zur Besinnung zu kommen. Aber wer ist "die" EU? Das sind nicht nur Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Angela Merkel. Das sind auch Marine Le Pen, Viktor Orban und die polnische Regierung. Politiker dieses nationalistischen Kalibers finden im Dialog, den der Papst als grundsätzliches Element menschlichen Umgangs fordert, nicht statt. Ähnlich war es drei Tage vor der Karlspreisverleihung beim Europa-Forum im Aachener Rathaus - wie erwartet. Reden über die Europaskeptiker, aber keine Besserung in Sicht. Weil mit den geistigen und handwerklichen Zäunebauern nicht zu reden ist. Weil sturer Nationalismus dem Verstand keine Chance gibt. Papst Franziskus hat die Engstirnigkeit verurteilt und natürlich dafür großen Beifall bekommen. Wie erwartet, aber tatsächlich hat er vor den Falschen "gepredigt". Vor den Europabefürwortern, vor den Menschen, die wissen, dass es nur mit und nicht gegen Europa geht. Wir hätten nach einem Tag wie in Rom schon viel gewonnen, wenn sich alle europabegeisterten Anwesenden nun kräftig ins Zeug legten, wenn sie lautstark widersprächen, sobald sie irgendwo ein nationalistisches Gefasel hören, wenn jemand die extraordinäre europäische Idee und Notwendigkeit in der Art üblicher Stammtischparolen wieder einmal diskreditiert. Etwas mehr Bürgersinn für Europa, etwas mehr Bekenntnis zu einer an sich doch so guten Sache. Und von der Politik dürfen wir erwarten, dass sie ihre wesentlichen Hausaufgaben macht und sich nun vor allem der wichtigsten aller Angelegenheiten widmet, der verheerenden Jugendarbeitslosigkeit. Hier kann, hier darf es trotz der großen Differenzen in anderen Fragen doch kein Zögern geben! Das dürfen die Europäerinnen und Europäer erwarten.

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