Aachener Zeitung

Aachener Zeitung: Der Stachel schmerzt
Auschwitz, die Überlebenden und die Erinnerung
Kommentar von Peter Pappert

Aachen (ots) - In Europa werden Juden angegriffen und ermordet, weil sie Juden sind - nicht nur gestern, sondern heute. Dass sich Juden in Europa und Deutschland unwohl und bedroht fühlen, dass sie bedroht sind und angefeindet werden, ist 70 Jahre nach Auschwitz furchtbare Realität. Die als Normalität hinzunehmen, wie es leider allzu oft geschieht, zeugt von monströser Gefühlskälte - erst recht im Land der Täter, in dem unzählige Mörder von Auschwitz und anderen Vernichtungslager jahrzehntelang unbehelligt gelebt haben. Die Frage, wie es möglich ist, dass sich eine Kulturnation in kurzer Zeit zu einem Staat der Barbarei umkrempeln lässt, beschäftigt jeden, der Demokratie und Freiheit schätzt. Damals galt auf einmal das nichts mehr, was menschenwürdiges Leben und respektvolles Zusammenleben ausmacht. Es ist keine ferne Geschichte, sondern gehört zu der Zeit, die uns und unsere Gesellschaft direkt geprägt hat; unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern haben es erlebt. Wie sicher sind denn die europäischen Demokratien und ihre liberalen Gesellschaften? Sind sie stark und selbstbewusst und streitbar genug, um sich zu engagieren, wenn entschlossene Fanatiker versuchen sollten, unsere Grundwerte zu entwurzeln? Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz - als Jugendlicher nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt - äußert sich dazu heute sehr skeptisch. Wenn uns das nicht zu denken gibt! Dass Juden und gerade Holocaust-Überlebende, die sich in diesen Tagen und Wochen äußern, mehr Empathie für sich und für den jüdischen Staat wünschen, ist richtig und nötig; es ist das Mindeste, auf das sich Demokraten hierzulande verständigen müssten. Solche Appelle stoßen aber leider häufig auf Gleichgültigkeit - auch bei manchen, die im Namen des Friedens immer wieder demonstrieren. Solche Appelle hat in den letzten Tagen zum Beispiel die Auschwitz-Überlebende Eva Erben an die Deutschen gerichtet. Sie hat Anspruch darauf, dass man das ernst nimmt. "Die Folter verlässt den Gefolterten nicht, niemals, das ganze Leben lang nicht", hat die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger in ihrem Buch "Weiter leben" geschrieben. Sie wurde als jüdisches Mädchen nach Auschwitz und Theresienstadt verschleppt. Diese kluge, großartige Frau hat viel dafür getan, dass Nachgeborene das Leid der Opfer in etwa nachvollziehen können. Als Sechs- jährige empfand sie 1938 zum ersten Mal, dass sie bedroht ist. Dieses Gefühl hat sie in ihrem gesamten Leben nicht mehr verlassen. "Ich kenne es nur so. Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen", hat sie vor Jahren in einem Interview mit unserer Zeitung gesagt. Sich - nicht nur am Holocaust-Gedenktag - an die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 zu erinnern, verlangt der einfache menschliche Anstand von jedem - egal, wann er geboren ist. Auschwitz sei der Stachel im deutschen Nationalgefühl, sagte gestern der Hannoveraner Sozialpsychologe und Antisemitismusforscher Rolf Pohl. Der Stachel tut weh. Die Bundesrepublik Deutschland würde keine gute Zukunft haben, wenn er irgendwann nicht mehr schmerzt.

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