Aachener Zeitung

Aachener Zeitung: "Kommentar:" Danke "Pegida"!
Für die einigende Wirkung auf die Gegner
Amien Idries

Aachen (ots) - Im September 2003 - auf dem Höhepunkt der deutschen Kritik am von George W. Bush initiierten Irak-Krieg - brachte die deutsche Hip-Hop-Band Blumentopf ein Lied heraus, das den Titel "Danke Bush!" trägt. Darin bedanken sich die Rapper aus München bei dem US-Präsidenten nicht etwa für seine Politik, sondern dafür, dass diese einen einigenden Effekt auf seine Gegnern hat und "sich plötzlich alle für Politik interessieren". An einer Stelle heißt es in Anspielung auf die vielen Demonstrationen gegen den Krieg: "Sie sind der Größte Bush, niemand anderem kann es gelingen, so viele Menschen für den Frieden auf die Straße zu bringen." Analog dazu sollte man sich nun einmal bei den "Pegida"-Demonstranten bedanken. Nicht dafür, dass sie mutmaßlich ein Tabu gebrochen haben. Die Aussage, dass durch die Dresdner Demos endlich mal über die bislang totgeschwiegenen Probleme der Integration gesprochen würde, ist ein ebensolcher Humbug, wie das leidige Klagen darüber, dass kritische, nicht dem "politischen Mainstream" entsprechende Stimmen marginalisiert würden. Ein Argument übrigens, das selbst dem Bestsellerautor Thilo Sarrazin nicht zu blöde ist. Nein, inhaltlich hat "Pegida" mit seinem 19-Punktepapier, das nun wahrlich keine politische Revolution darstellt, dieses Land kein Stück voran gebracht. Aber emotional, im Sinne von Blumentopf. Weil "Pegida" die Menschen als Gegendemonstranten auf die Straße gebracht hat, die sich vom IS-Terror und den Anschläge von Paris nicht in einen islamophoben und ausländerfeindlichen Reflex treiben lassen. Die sich den Pegidisten entgegenstellen und sagen: Nein, ihr seid eben nicht das Volk, jedenfalls nicht so, wie dieser Slogan ursprünglich gemeint war. Und, weil auch die Reaktionen aus der Politik zeigen, dass dieses Land sich verändert hat. Als sich Anfang der 90er Jahre im Zuge der Debatte um die gestiegene Zahl der Asylbewerber eine furchterregende ausländerfeindliche Stimmung in Deutschland breitmachte, die in den rassistisch motivierten Übergriffen von Rostock und den Brandanschlägen von Mölln und Solingen gipfelte, reagierte die Politik bestenfalls hilflos. Kanzler Helmut Kohl ließ sich bei der Möllner Trauerfeier mit der Begründung entschuldigen, er wolle keinen "Beileidstourismus". Eine ganz große Koalition aus CDU/CSU, FDP und SPD beugte sich dann dem Druck der Straße und schaffte mit dem sogenannten Asylkompromiss von 1992 das Asylrecht weitgehend ab - eine Grundgesetzänderung übrigens, deren Folgen die südeuropäischen Länder und vor allem die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer noch heute zu spüren bekommen. Mehr als zwanzig Jahre später positioniert sich die Politik in Sachen "Pegida" in weiten Teilen eindeutig. Sie ruft zur Besonnenheit sowie Differenzierung auf und wirbt für das Einwanderungsland Deutschland, was übrigens nichts mit idealisierten Multi-Kulti-Fantasien zu tun hat, sondern ganz einfach die Realität beschreibt. Unabhängig von der Kritik, die man etwa an der Zurückhaltung üben kann, mit der dieses Landes Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt: Zu sehen, wie einig sich Zivilgesellschaft und Politik in der Ablehnung von ausländerfeindlichen Ressentiments sind, macht Mut. Deshalb nun ganz offiziell: Danke "Pegida"! a.idries@zeitungsverlag-aachen.de

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