Aachener Zeitung

Aachener Zeitung: Schöne Bescherung
Der Papst legt los. Die deutschen Bischöfe bewegen sich.
Kommentar von Peter Pappert

Aachen (ots) - Arroganz, Hartherzigkeit, Luxusleben, Untertanengeist, Karrieredenken, Intrigantentum, "spirituelles Alzheimer" - selbst die ärgsten Kritiker des Vatikans holen gegen die römische Kurie kaum zu einem solchen Rundumschlag aus. Der kann nur dem antirömischen Affekt der schlimmsten deutschen Laisser-faire-Katholiken entspringen - von wegen. Der Papst selbst hat gestern über diese und ähnliche Missstände geklagt - schöne Bescherung für die Kurialen. Es mehren sich die Zeichen, dass Franziskus in der Zentrale seiner Kirche wirklich aufräumen will und wird. Er legt sich mit machtbewussten Eliten an, er will sie provozieren, er will ihr Netzwerk zerreißen. Am selben Tag, da der Papst auf den Tisch haut, dass die kurialen Tassen durch die Sala Clementina fliegen, sorgen die deutschen Bischöfe für einen weiteren Knall: Sie stellten gestern in für sie frappierender Offenheit fest, dass sie sich in der Frage der Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene nicht einig sind. Das ist zwar längst offenkundig, und solchen Dissens gibt es in der Bischofskonferenz auch bei manchen anderen Fragen. Aber in lang eingeübter Verkrampfung haben die Bischöfe immer versucht, den Schein der Einigkeit zu wahren.

Nur ein erster kleiner Schritt

Die neue Ehrlichkeit könnte ein Indiz dafür sein, dass sich nun tatsächlich etwas ändern soll. Erfreulicherweise will die Mehrheit der Bischöfe wiederverheiratete Geschiedene unter Bedingungen zur Kommunion zulassen. Was die Bischöfe in ihren Überlegungen dazu theologisch sorgsam abwägen, ist vielerorts seit langem pastorale Praxis. Eine Reform könnte insofern manche Verlogenheit beenden, die der katholischen Kirche häufig nicht nur dabei und zu Recht vorgeworfen wird. Klipp und klar sagen die Bischöfe, sie müssten wieder sprachfähig werden, die Kirche werde vielfach als unbarmherzig wahrgenommen und nicht mehr verstanden. Wenn sie das ehrlich meinen, müssen sie allerdings - ohne Wenn und Aber - noch viel weiter gehen, um im Alltag ihrer Gläubigen anzukommen. Wer über wiederverheiratete Geschiedene erst zu Gericht sitzen will, um sie inquisitorisch auszufragen, bevor er ihnen die Teilnahme an der Eucharistie gestattet, kann es gleich ganz bleiben lassen. Trotzdem könnte sich aus dieser ersten Bewegung heraus eine Dynamik entwickeln, die die katholische Kirche über den Kreis der Treuen hinaus wieder etwas attraktiver macht. Denn gerade ihre Haltung zu Ehe, Familie und Sexualmoral hat die Kirche den Menschen entfremdet. Dem kleinen Schritt müssen also weitere folgen. Die Zeiten ändern sich! Wirklich? Es sind - aus gutem Grund - längst nicht alle Zweifel verschwunden, ob die franziskanische Wende Bestand hat, ob sich Starrsinnige und Traditionalisten nicht doch wieder durchsetzen. Franziskus tut, was er kann. Wie niemand vor ihm nimmt er sich die Kurie vor und drängt sie, die Sorgen und den Alltag der Gläubigen ernstzunehmen.

Unkonventionelle Chance

Jetzt hat der Vatikan - nach dem ersten im vorigen Jahr - einen zweiten Fragebogen zu Familie und Sexualität an die nationalen Bischofskonferenzen geschickt, um die entscheidende Weltbischofssynode im kommenden Oktober zu diesem Thema vorzubereiten. Damit und mit den Überlegungen der Bischöfe zur Ehepastoral haben die Katholiken nun zwei Grundlagen, auf die sie sich berufen können. Wer in seiner Kirche etwas ändern will, muss das nun einfordern - in seiner Pfarre, bei seinem Pfarrgemeinderat, seinem Pfarrer, bei seinem Bischof. Alle Kräfte in den katholischen Gemeinden müssten sich in den kommenden Monaten auf diese Aufgabe konzentrieren. Und wer mag, verfügt als Christ - wie vor ihm die Christen in mehr als zweitausend Jahren - über eine weitere schöne, aber längst unkonventionelle Chance, sich für eine gute Sache und deren Protagonisten einzusetzen: beten!

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