Badische Zeitung

Badische Zeitung: Pflege ist auch Männersache Der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer beklagt, dass männliche Angehörigenpflege unterschätzt wird
Von Karlheinz Schiedel

Freiburg (ots) - 25 Männer hat der Ludwigsburger Gerontologe und Sozialwissenschaftler Eckart Hammer für sein neues Buch "Unterschätzt - Männer in der Angehörigenpflege" interviewt. Es sind intensive, anrührende Gespräche, die da protokolliert wurden. Authentische Lebens-, manchmal auch Leidensgeschichten, die buchstäblich unter die Haut gehen. Hammer will Männer, die ihre Angehörigen pflegen, aus ihrem Schattendasein holen, ihnen Orientierung und praktische Unterstützung geben. Und Männer, die vor einer solchen Entscheidung stehen, ermutigen, ihnen zu einer förderlichen Pflegehaltung verhelfen. Das ist auch bitter nötig. Wegen der demografischen Entwicklung zählen Pflege und Demenz zu den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Hochaltrigkeit ist längst nicht mehr ein singuläres, privates Ereignis, sondern Massenphänomen. Pflegebedürftigkeit und Altersdemenz werden zum biografischen Regelfall. Männer müssen sich in Zukunft stärker in der Pflege engagieren. (...) Ohne sie ist dem drohenden Pflegenotstand nicht beizukommen. Völlig kontraproduktiv ist, dass pflegende Männer in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielen. Hammer spricht gar von Marginalisierung und macht den Grund hierfür an einem in unserer Gesellschaft tief verwurzelten, jahrhundertealten Leit- und Rollenbild fest, nach dem Pflege durch und durch weiblich ist. Mit der bundesdeutschen Wirklichkeit hat das - zum Glück! - nicht mehr viel zu tun. Nach repräsentativen Infratest-Untersuchungen ist der Männeranteil zwischen 1996 und 2010 von 20 auf 28 Prozent aller Pflegenden gestiegen, der Anteil der pflegenden Söhne hat sich im gleichen Zeitraum von fünf auf zehn Prozent verdoppelt. Nach Berechnungen des Autors lag 2008 bei den 60- bis 86-Jährigen der Anteil der Männer, die nach eigener Aussage pflegen, sogar bei 40 Prozent. (...) Heftige Kritik übt Hammer an der skandalösen Unterfinanzierung familiärer Pflege. Das Pflegegeld, das Angehörige bekommen, ist mehr als die Hälfte geringer als die Pflegesachleistung, die an Pflegedienste oder stationäre Einrichtungen geht. Die Folge: Oft verarmen pflegende Angehörige und werden ungewollt zu Hartz-IV-Empfängern. Zudem werden die durchaus positiven Ansätze des Pflegezeitgesetzes konterkariert, das - ob nun politisch gewollt oder nicht - vormoderne Lebensentwürfe und traditionalistische Rollenbilder zementiert. Am Ende sind es wieder die Frauen, die aus finanziellen Gründen ihren häufig schlechter bezahlten Beruf aufgeben und die Pflegearbeit leisten: Erst ziehen sie Kinder groß, opfern hierfür ihre Karrierechancen und später haben sie sich um die betagten Eltern oder Schwiegereltern zu kümmern, weil sie weniger verdienen als ihre Männer. Geschlechtergerechtigkeit sieht anders aus. Die vollständige Buchbesprechung unter: http://mehr.bz/khs555

Pressekontakt:

Badische Zeitung
Karlheinz Schiedel
Telefon: 0761/496-5113
schiedel@badische-zeitung.de

Original-Content von: Badische Zeitung, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Badische Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren: