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Badische Zeitung: Über (un-)realistische Vorsätze fürs neue Jahr
Stress lass nach! Leitartikel von Martina Philipp

Freiburg (ots) - Ganz nackt liegt es vor uns, das Jahr 2014. Wie wird es werden? Was wird passieren? Viel Gutes? Auch Schlechtes, gar Schlimmes? Damit diese Unberechenbarkeit irgendwie auszuhalten ist, versuchen viele Menschen einen Trick, um zumindest gefühlt ein wenig Kontrolle zu behalten oder noch besser: positiv Einfluss nehmen zu können. Sie fassen tolle Vorsätze. Sie nehmen sich vor, mehr Sport zu machen, abzunehmen und weniger Alkohol zu trinken. Das sind dann oft so mittelrealistische Vorsätze, die eher selten eingehalten werden. Und was sich die meisten Baden-Württemberger für 2014 vornehmen, klingt noch unrealistischer: weniger Stress haben. Es klingt sogar extrem ehrgeizig - ist aber dennoch nicht völlig unmöglich. Die zunächst gute Nachricht lautet: Dank Frauenzeitschriften, Apothekermagazinen und Glücksratgebern sind wir alle längst Vorsatzexperten. Wir wissen, dass wir die Ziele so konkret wie möglich setzen sollten. Statt "Mehr Sport" muss es also heißen "Zweimal in der Woche Sport". Wir wissen, dass die Ziele am besten etwas näher gesteckt werden sollten, um eine Minimalchance zu bewahren, dass sie erreicht werden können. Statt zehn Kilo abnehmen zu wollen, versuchen wir es also besser mit drei. Außerdem formulieren wir das alles zur Motivationssteigerung natürlich superpositiv. Und damit es auch wirklich klappt, werden knackige Zwischenziele gesteckt, die alle belohnt werden: zum Beispiel mit einem Gläschen Himbeerjoghurtdrink mit Minzblättern. Oder so. Die schlechte Nachricht lautet: Trotz höchster Motivation sind die guten Vorsätze im März in der Regel vergessen. Oder verdrängt. Dass sich die meisten Menschen in Baden-Württemberg, das heißt mehr als jeder Zweite, laut einer Umfrage der Deutschen Allgemeinen Krankenkasse weniger Stress wünschen, macht die Sache mit den Vorsätzen noch schwieriger. Beim Wunsch abzunehmen gibt's als Hindernisse nur unseren Schweinehund, die Lust auf Schokokuchen und den Hintern, den wir zum Joggen nicht hochbekommen. Beim Wunsch, Stress zu vermeiden, gibt es unseren Schweinehund, unseren Perfektionismus, unsere Unfähigkeit "Nein" zu sagen, den fordernden Chef, die schwierigen Kollegen, 153 Mails täglich, Feierabendstau, mal wartende Kinder und Hunde zuhause, mal kranke Freunde oder Verwandte Und vor allem: eine Gesellschaft, in der immer schneller immer mehr geleistet werden soll, für - im schlimmsten Fall - immer weniger Geld. Das große Ganze stresst also, und da erscheint es sinnlos, als Einzelner ausbrechen zu wollen. Und es kommt einem geradezu albern vor, täglich durch die Gegend zu hetzen, um sich einmal wöchentlich einen Ausgleich zu verordnen, im Yoga die Kobra zu machen und zu meinen, danach sei alles gut. Ist es nicht. Um es mit den Worten des renommierten Soziologen Hartmut Rosa zu sagen: Es bräuchte eigentlich eine Revolution. Das ganze System gehört auf den Kopf gestellt. Da dies allerdings fürs Erste utopisch bleibt, empfiehlt er Folgendes: Resonanzoasen suchen. Einfacher ausgedrückt heißt es, dass wir zum Ausgleich Dinge machen sollten, die wir gern tun, die Spaß machen, bei denen wir die Zeit vergessen, bei denen etwas zurückkommt. Das kann heißen, dass der eine sonntags wieder öfters seine alte Gitarre auspackt und dem Weinregal was von den Dire Straits vorschreddert statt brav den Keller aufzuräumen. Die andere schwänzt vielleicht künftig den ohnehin etwas krampfigen Kollegenstammtisch und fährt dafür wieder mit dem Mountainbike durch den matschigen Wald, riecht die feuchten Tannennadeln und saut sich mit großem Vergnügen ein. So könnte für 2014 ein schöner, gar nicht so unrealistischer Vorsatz lauten: Machen wir so oft wie möglich das, was wir gerne tun.

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