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Badische Zeitung: Eine junge Nation schlittert in den Krieg
Die Staatengemeinschaft hat im Südsudan zu lange alle Alarmzeichen ignoriert - Kommentar von Johannes Dieterich

Freiburg (ots) - Inzwischen hat es wieder jeder schon immer gewusst. Dass der jüngste Staat der Welt bereits zweieinhalb Jahre nach seiner Geburt im Chaos zu versinken droht, wird in Expertenkreisen als neueste - und vor allem vermeidbare - diplomatische Schlappe des Westens betrachtet: Die einflussreichen Freunde des Südsudans in New York, Washington und London hätten sehen müssen, dass das junge Staatsschiff bereits bei seinem Stapellauf in Schieflage geraten war, heißt es. Längst hätten die nötigen Gegenmaßnahmen getroffen werden müssen. Merkwürdig nur, dass keiner früher Alarm geschlagen hat. In Wahrheit waren die Experten nämlich genauso überrascht von der Geschwindigkeit, mit der die junge Nation in den vergangenen zwei Wochen in den Konflikt schlitterte. Als größte Gefahr für den christlichen Süden, der sich vom islamistischen Norden abgespaltet hatte, war das Regime in Khartum betrachtet worden. Seinen Machenschaften galt die ganze Aufmerksamkeit, während die Fehlentwicklungen im Süden als Kinderkrankheiten kleingeredet wurden. Wer wollte die haarsträubende Korruption in Südsudans Heimatstadt Juba kasteien, während das Land von Khartum in einen neuen Krieg verwickelt zu werden drohte? Und wer wollte den Regierenden im Südsudan ihre nicht unter Kontrolle gebrachten ethnischen Konflikte vorwerfen, wenn diese doch auf Destabilisierungsbemühungen aus dem Norden zurückzuführen waren? Nun, so war es eben nicht, wie sich spätestens jetzt herausstellt. Keineswegs alle Probleme der jungen Nation wurden im Norden gemacht. Damit stellt sich dann aber doch die Frage, warum die sich zuspitzende innenpolitische Krise in Juba der westlichen Diplomatenwelt verborgen blieb - und wenn nicht, warum etwa die Chefin der UN-Mission im Südsudan, Hilde Johnson, nicht früher Alarm schlug. Der ehemaligen norwegischen Entwicklungsministerin wird selbst von Mitgliedern ihrer Mission eine zu behagliche Nähe zum südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir vorgeworfen. So habe sie weder dessen autokratische Tendenz noch die Bevorzugung des eigenen Volks der Dinka wahrgenommen - auf diese Weise sei der Grundstein für Südsudans "Dinkakratie" gelegt worden, wird jetzt eingewandt. Spätestens als Kiir im Juli sein gesamtes Kabinett einschließlich seines Stellvertreters Rieck Machar austauschte, hätte die Vertreterin des Staatenbundes Alarm schlagen müssen. Nichts dergleichen ist aber geschehen. Rebellenchef Kiir war offenbar der Überzeugung, dass er seine Kritiker - allen voran Rieck Machar vom Volk der Nuer - ausschalten könnte. Ein verhängnisvoller Irrtum, den Tausende von Südsudanesen nun mit dem Leben bezahlen. Warum dem früheren Rebellenchef das Diplomatencorps nicht in die Arme fiel, ist eine Frage, die nun in New York und Washington beantwortet werden muss. Die internationale Gemeinschaft und vor allem der amerikanische Mentor des Südsudans hätten gewiss genug Einfluss gehabt, den autoritären Staatschef von seinem Konfrontationskurs abzubringen. Gleichwohl sind solche Fragen bald nur noch für Historiker interessant. Aktuell geht es darum, den Südsudan vor dem drohenden Bürgerkrieg zu bewahren. Derzeit versuchen Rebellen-Milizen nach Angaben der Armee, die strategisch wichtige Stadt Bor zurückzuerobern. In den übers ganze Land verteilten Lagern der Vereinten Nationen haben fast 100000 Menschen Schutz gefunden. Auch wenn die Flüchtlinge dort unter miserablen Bedingungen hausen, befinden sie sich zumindest in Sicherheit. Überraschend schnell hat die UNO zudem eine Aufstockung ihrer Blauhelmtruppe von derzeit 6800 auf 12500 beschlossen. Das ist eine Reaktion, die Anerkennung verdient. Dagegen sind Forderungen, eine regelrechte Interventionsstreitmacht in den Südsudan zu schicken, unüberlegt. Anders als in Mali, wo es 4000 französischen Soldaten Anfang 2013 gelang, einen klar definierten Feind auszuschalten, wüsste eine in den Südsudan entsandte Kampftruppe gar nicht, wer ihr Feind ist und was ihr strategisches Ziel sein könnte. In einer Situation wie dieser können Friedenstruppen höchstens Zonen schaffen, in denen Flüchtlinge Schutz finden. Genau das versucht der Staatenbund zu erreichen. Doch die internationale Gemeinschaft kann noch mehr tun: einen fähigen Vermittler entsenden. Derzeit suchen die Staatschefs der Nachbarländer des Sudan Gespräche zwischen Kiir und Machar in Gang zu bringen. Doch Machar lehnt die Kollegen Kiirs ab. Es gibt jedoch jemanden, der in einem ähnlichen Konflikt erfolgreich vermittelt hat - als ein Machtkampf den Vielvölkerstaat Kenia vor acht Jahren in einen Bürgerkrieg zu stürzen drohte: Kofi Annan. Wenn jemandem eine Wiederholung des kenianischen Geniestreichs gelingen könnte, dann dem ehemaligen UN-Generalsekretär.

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