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Badische Zeitung: Geschenke kaufen im Internet: Früher war mehr Maß - Leitartikel von Alexander Dick

Freiburg (ots) - Früher war mehr Lametta ... Also nörgelte Opa Hoppenstedt in Loriots berühmtem Weihnachts-TV-Sketch, um dann gleich danach ungeduldig anzumerken: ...und wann kriege ich mein Geschenk? Die Fans des 2011 gestorbenen großen Humoristen wissen natürlich längst den Fortgang: Am Ende der Auspackschlacht versinken Mama und Papa Hoppenstedt im Hausflur im Verpackungsmüll. In den 1970er Jahren, und aus dieser Zeit stammt die Episode, war das Weihnachtsfest längst zu einer Schenkorgie geworden, bei der die Menge und der Glamour der unter dem Christbaum liegenden Päckchen fast wichtiger erschienen als letztlich die meist fantasielosen Inhalte. : Parfüm, Socken oder eben Krawatten... Schenken war zum Synonym geworden für Seinen-Luxus-Zur-Schau tragen, für eine beispiellose Materialschlacht zum Jahresende, von der ganze Branchen lebten oder nicht wenige daran kaputt gingen, wenn die Bilanz zum Jahresende dann doch allzu verhalten ausfiel.Mit dem biblischen Ursprung hatte das Sich-gegenseitig-Beschenken, das "Bescheren", kaum noch was zu tun. Und schon damals begann dann am 27. Dezember der - sozusagen - inverse Schenkungsprozess: Umtausch und Rückgabe. Das alles begab sich zu einer Zeit, da Handys, Smartphones und Tablets allenfalls Inventar von Science Fiction waren. Und natürlich harrte auch das Internet, das unseren Alltag mindestens so sehr verändert hat wie dereinst die Dampfmaschine, noch seiner Erfindung. Wer also seine Geschenke nicht ganz traditionell im Geschäft kaufen wollte, dem blieb nur der Versandkatalog der Ottos und Neckermänner, der Schickedanzens und Schöpflins und wie sie noch alle hießen. Und viele erinnern sich daran, wie sie in den Wochen vor Weihnachten die oft mehr als tausend Seiten starken, bunten und immer nach frischer Druckerschwärze riechenden Kataloge durchwälzten, um sich ihren Wunschzettel zusammenzustellen. Bei Kleidungsstücken gab es in manchen Familien eher Zurückhaltung, denn was nicht passte, musste zurückgeschickt und umgetauscht werden. Harte Tage für den - damals noch - Zusteller-Monopolisten Bundespost. Die Zeiten sind inzwischen noch viel härter geworden. Die Post steht schon lange im Wettbewerb mit anderen Firmen, alle sind sie in diesen Tagen pausenlos im Einsatz. Und wenn es stimmt, dass in diesem Jahr bei den Paketsendungen erstmals die Ein-Milliarden-Marke geknackt wird, dann wirft das schon ein paar Fragen auf. Kauft eigentlich überhaupt noch jemand in den Geschäften? Oder nimmt die Zahl an Geschenken noch immer weiter zu? Eine Antwort ist bekannt: Das Internet ist für bereits 71 Prozent der Deutschen zum virtuellen Weihnachtsgeschenke-Kaufhaus geworden. Bequem vor dem Bildschirm shoppen und dann noch die Garantie haben, seine Ware Rückporto-frei umtauschen zu können - das verlockt dazu, mehr zu bestellen, als man eigentlich braucht. Man kann das bequem finden. Den Retour-Gang zum Postamt oder zum Paketdienst erspart es einem nicht, jedenfalls, solange diese ihre angedachte Zustellung via Drohnen noch nicht perfektioniert haben. Zu befürchten steht: Auch das wird kommen. Warum dieser Pessimismus? Weil ein solches Verfahren wohl noch mehr sorglosen Paketverkehr erzeugen wird. Noch mehr achtloses und - man darf nicht vergessen - umweltbelastendes Ordern von Produkten. Alles versandkostenfrei. Die Internetanbieter hätten es in der Hand: Steigen die Versandkosten für den Kunden, wird dieser zurückhaltender und gezielter bestellen. Aber eben auch weniger. Und das will so gar nicht zum auf steten Komparativ gebürsteten kapitalistischen System passen. Somit werden die Anbieter im Internet sich weiter im Paketpreisdumping versuchen, bevor es die Konkurrenz tut. Das alles ist weit entfernt von der zurückhaltenden Geschenkepraxis, wie sie in der Geschichte um den Stall von Bethlehem berichtet wird. Es ist auch nichts davon bekannt, dass die Heilige Familie Gold, Weihrauch und Myrrhe umgetauscht hat. Opa Hoppenstedt würde heute wohl sagen: Früher war mehr Maß. Das muss aber dann schon ganz früher gewesen sein.

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