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Südwest Presse: Kommentar zum Thema Kirchentag

    Ulm (ots) - Das Vorhaben war gewagt. Mit 3000 Veranstaltungen präsentierte sich der evangelische Kirchentag, die große evangelische Laienbewegung, in Köln. Die Vielfalt der Themen und Diskussionen wurde Ausdruck protestantischen Profils: Alles hat Platz, ein Entweder-Oder von politischer Aktion und neuer religiöser Innerlichkeit gibt es nicht mehr. Oder wie es Kirchentagspräsident Reinhard Höppner formuliert: "Spiritualität und Weltverantwortung gehören zusammen." An Letzterer war in den vergangenen Tagen kaum vorbeizukommen. Dafür sorgte schon der Termin des Kirchentages, der gleichzeitig zum Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Heiligendamm stattfand. Das G-8-Treffen hat den Kirchentag politisiert. Foren zu Klimaschutz und Globalisierung waren stark besucht, Veranstaltungen zur gerechteren Verteilung von Reichtum und Chancen in diesem Land ebenso. Auch der Auftritt der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich unmittelbar nach Heiligendamm Fragen und Kritik tausender Zuhörer stellte und dafür begeisterten Zuspruch erntete, unterstrich den politischen Anspruch des Kirchentages. Die engagierten Christen wollen nicht jenseits des Zaunes stehen, wenn über die Verteilung von Geld und Rohstoffen verhandelt wird, sondern mitreden als Privatperson oder Mitglied einer der vielen Initiativen, die oft fröhlich, immer aber friedlich ihre Vorstellungen für eine gerechtere Welt präsentierten. Und die Spiritualität? Zum Bibelgespräch mit Bischöfin Margot Käßmann kamen so viele Besucher wie zum Podium mit der Kanzlerin: 5000. Die Person Käßmann war nicht alleiniger Grund dafür. Auch bei anderen Bibelstunden war der Andrang groß. Die Menschen erhoffen sich Botschaften, die den Kern ihres Seins berühren. Theologische Worthülsen haben sie im Alltag schon genug. Insofern war der Kirchentag auch ein Beleg für die Vitalität des protestantischen Glaubens. "Lebendig und kräftig" wollten sich die evangelischen Christen gemäß ihrem Motto auch präsentieren - "schärfer" im Profil dazu. Das entspricht durchaus einer Notwendigkeit. In die Zange genommen zwischen der katholischen Kirche, deren Papst nicht nur die mediale Inszenierung beherrscht, sondern auch als Oberhaupt einer großen Weltkirche eine gewichtige Stimme im Konzert der Mächtigen hat, und der stärker werdenden Gruppe der Konfessionslosen droht die vielgestaltige evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden. EKD-Vorsitzender Bischof Wolfgang Huber will dem mit seinem Zukunftspapier "Kirche der Freiheit" entgegenwirken und hat sich im Alltag auch schon ein Spielfeld für neues protestantisches Selbstbewusstsein ausgesucht: Die Auseinandersetzung mit den in Verbänden organisierten Muslimen - in Köln wortgewandt ausgetragen - soll nicht nur die Schwierigkeiten im Miteinander zum Ausdruck bringen, sondern auch die intellektuelle Kraft der protestantischen Kirche unter Beweis stellen. Huber hofft, von der Schärfe in der Abgrenzung zu anderen Religionen zu profitieren. Nicht einmal den einen, gemeinsamen Gott will er zwischen Christen und Muslimen anerkennen. Damit setzt er sich ab von der katholischen Kirche, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Gemeinschaft mit den Muslimen in der Verehrung des einen Gottes betont. Der von Huber und Höppner forcierte Kurs des protestantischen Profils birgt damit die Gefahr, neue Gräben aufzureißen.

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