Südwest Presse

Südwest Presse: Leitartikel zur Sexismus-Debatte Bewusstsein schärfen

Ulm (ots) - Deutschland diskutiert wieder über Sexismus. Nach der "Aufschrei"-Debatte vor drei Jahren war es nun eine Berliner CDU-Kommunalpolitikerin, die mit ihrem offenen Brief über abwertende Äußerungen in ihrer Partei - Berlins CDU-Chef Frank Henkel soll unter anderem "große süße Maus" zu ihr gesagt haben - den Anstoß gab. Es ist gut und notwendig, dass es diese Debatte erneut gibt. Je öfter sie geführt wird, desto mehr wird für Sexismus sensibilisiert und ein Bewusstsein dafür geschaffen - und desto peinlicher werden die Verdrängungsreflexe und Abwehrmechanismen der Verursacher. Sexismus hat in einer modernen Gesellschaft keinen Platz, nicht in der Politik, nicht im Job, nicht im alltäglichen Miteinander von Mann und Frau. Das bedarf keinerlei Diskussion. Und jeder Mann, der beim Anblick von Fotos der jungen CDU-Politikerin Jenna Behrends zuerst gedacht hat, was soll bloß die ganze Aufregung, die ist doch eine "große süße Maus", sollte sein Bild von Frauen mal grundsätzlich überdenken. Es geht um alt hergebrachte und leider gut konservierte Denkmuster, die Frauen degradieren, schlimmstenfalls zum Bettwärmer. Was dieses Denken ausmacht und warum es in manchen Köpfen immer noch vorherrscht, darum sollte sich die Debatte drehen. Es geht aber auch um die Frage, was Sexismus überhaupt ist - und was nicht. So gut wie jede Frau kennt Situationen, in denen sie sich herabgesetzt gefühlt hat. In denen sie auf ihr Äußeres reduziert wurde, auf "weibliche" Qualitäten (was ist das eigentlich?) oder auf eine Rolle als Beiwerk. Nicht alles ist offensichtlich sexistisch, manches unterschwellig und subtil. Und doch geht es immer um dasselbe Prinzip: Frau wird nicht als gleichberechtigtes Gegenüber respektiert. Sexismus gibt es aber auch auf einer anderen Ebene: Die Lohnnachteile in vielen klassischen Frauenjobs, die Privilegierung von Männern bei der Besetzung von Spitzen-Posten - all das sind bis heute Auswirkungen einer lange Zeit auch politisch gewünschten Unterordnung der Frau. Allerdings ist nicht alles sexistisch, was mitunter in dieser Kategorie landet. Eine missglückte verbale Flirterei, ein über das Ziel hinausgeschossenes Lob, eine unbeholfene Bemerkung zu Äußerlichkeiten - nicht alles, was missfällt, ist herabsetzend. Dies überzubewerten würde ein entspanntes Zusammenleben der Geschlechter erschweren und dem eigentlichen Ziel von Sexismusdebatten - Begegnungen im gegenseitigen Respekt - nicht gerade Vorschub leisten. Sexismus hat etwas mit Verachtung zu tun, auch mit Bloßstellung, etwa in der Öffentlichkeit und im beruflichen Kontext. Sexismus ist, wenn Männer Frauen klein machen. Nicht jeder dumme Spruch fällt darunter. Vielen Männern insbesondere der jüngeren Generation ist es völlig fremd, etwa die Oberweite von Frauen überhaupt nur zu thematisieren oder sich sonstwie bei Zusammentreffen abfällig zu äußern. Nicht, weil sie sich nicht mehr trauen, sondern weil für sie Gleichberechtigung längst Normalität geworden ist. Aber es wird noch viele Debatten geben müssen, bis die alten, teils immer noch patriarchalen Schablonen entsorgt sind. Bis eine Frau einfach Frau sein kann, ohne deshalb von ihrem Gegenüber zum niedlichen Nager degradiert zu werden.

Pressekontakt:

Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

Original-Content von: Südwest Presse, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Südwest Presse

Das könnte Sie auch interessieren: